Auf einem Bein stehen

Marschner_CSD
Menschen können nur für kurze Zeit auf einem Bein stehen. Nicht jeder passt ins Guinness Buch der Rekorde. Eure Kinder stehen auf einem Bein. "Hilfe. Sie traumatisiert unsere Kinder. Leo, lass den Ego-Shooter, bitte…wir wollen jetzt essen!" Der vierte, fünfte oder sechste Geburtstag schleudert Leo aus der Pippi-Kacka-Phase heraus, direkt in den ICH-Modus hinein. Dieser Modus macht allen Kleinen klar, dass sie nicht das Eigentum ihrer Eltern sind. Leo sagt: "ICH will. ICH werde. ICH muss." Das Gegenüber, das DU kristallisiert sich. Kinder folgen Pindaros aus Theben: Werde, der Du bist. In der Inschrift am Apollon-Tempel von Delphi steckt der Überlebensinstinkt, der die Frage aufwirft: "Was passiert mit mir, wenn Mama und Papa über die Autobahn fahren und beide verunglücken. Wer wird sie erkennen? Wer wird wissen, dass Mama und Papa meine Eltern sind? Was passiert dann mit mir? Muss ich ins Heim?" Die Fragen sind äußerst klug, denn junge Eltern machen in den meisten Fällen keine Testamente. Alleinstehende wollen nicht daran denken. Das müssen sie auch nicht, weil es die Kleinen erledigen. Ein Fünfjähriger wird seine Eltern nicht ansprechen: "Liebe Eltern! Bitte, setzt Euch! Ich möchte meine Zukunft mit Euch besprechen und ein Testament verfassen!" Die Sprache der Kinder ist einfacher. Kids laufen vorher weg. Sie träumen wild. Sie malen "auffällige" Bilder. Sie sprechen mit ihren Puppen, Hasen, Bären - eben mit ihren Verbündeten.