Digitale Gesellschaft

Marschner_Android
Ich fahre zum Friedhof und betreue eine Urnenbestattung. Ich finde mich 40 Minuten vor dem Termin ein. Einige Minuten später läuten die Glocken, die Türen der Trauerhalle öffnen sich, der Urnenträger schreitet heraus, gefolgt von der Trauergesellschaft. Weitere Minuten später gehe ich in jene Trauerhalle, um meine Dekoration vorzubereiten. Dort liegen noch die Blumen der vorherigen Zeremonie vor dem Altar. Eine Musikanlage steht blinkend auf einem Podest. Den Ausknopf finde ich. Einen Bestatter finde ich nicht. Ich trage also kollegial die Blumensträuße hinaus, lege sie auf einen Blumenwagen. Meine Ahnung wird bestätigt. Es handelt sich um einen digitalen Bestatter, der wohl aus Preisgründen nicht erscheint - sich also darauf verlässt, dass andere die Arbeit machen. Zwei Dinge wurden mir klar. Die digitale Gesellschaft soll und muss eine weltfremde Gesellschaft werden. Die Ausführenden, die Handwerker werden ausgeblendet. Herr Lindner (FDP) unterhält sich mit Studenten über den Sprung in das volle digitale Zeitalter. Viele Berufe kann er verinnerlicht und sicher benennen. Dann sagt er: "Wir müssen das Netz ausbauen." Wer ist WIR? Kann Herr Lindner etwa die Schaltpläne eines Fernmeldetechnikers lesen? Beherrscht er die Glasfasertechnik? Boten und Kuriere werden in Berlin von Kunden, die im Internet bestellen, angepöbelt oder ignoriert. Noch sind sie aber keine zur Zweckentfremdung geeigneten Androiden. Ihr Berufbild beschreibt nicht den Spediteur, den Möbeltransporter. Menschen sollen den gelben Pfeilen auf einem Plan gehorchen. Dafür sind sie aber nicht gemacht. Es frustriert sie. "Komm, lass uns in die Zukunft gehen - und dich werde ich ignorieren." Die Familie hat sich herzlich dafür bedankt, dass ich zum Friedhof gekommen bin. Ich habe nicht verraten, dass ich Marschner Bestattungen bin - weil ich die Gesellschaft nicht spalten möchte.