Trauer ist keine Krankheit

Marschner_Rummel
Und Geister brauchen nicht den Glauben der Menschen. Die Trennung ist die Bedingung für jedes Leben. Mütter haben wahrscheinlich einen so großen Stellenwert, weil sie sich nach 9 Monaten das erste Mal von ihren Kindern trennen müssen. Nicht selten ist eine Geburt gefährlich und auch traumatisch. Mütter in Berlin reden ununterbrochen über ihre Kinder. Sie zelebrieren diese Ich-weiß-noch-genau-Sätze: "Ich weiß noch genau, als wäre es gestern gewesen, dass ich nach der Arbeit durch den Park lief, was ich bis dahin nie machte. Auf so einer grüngelben Parkbank lagen zwei Kastanien - dicht nebeneinander. Du! Da wusste ich, dass ich schwanger bin." Mütter sagen damit ganz unbewusst, dass sich bereits eine höhere Instanz von ihren Kindern trennte, um sie auf die Reise zu schicken. Die Gefühle von Trauer mischen sich ebenso in die Geburt. Die Mutter verliert den eigenen Kindstatus. Als Teenager fuhr ich oft zum Flughafen Tegel und setzte mich in die Nähe der Reisenden. Ich schrieb ihre Gespräche auf. Sie wollten pünktlich ankommen. Das war immer ihre größte Sorge. Ständig sahen sie auf ihre Uhren. Die Tickets hielten sie in ihrer Hand. Ihre Spannung entlud sich in Erlösung, wenn der Check-in Schalter dann endlich geöffnet wurde. Richtig cool und routiniert waren die Geschäftsleute. Die Männer ließen nur ein einziges Mal ihren Arm präzise aus dem Ärmel schnellen und prüften die Uhrzeit. Dann tranken sie Espresso. Die Handelsvertreter tranken Kaffee und aßen Kuchen. Ihre Anzüge wirkten mitgenommen. Sie selbst wirkten ein wenig von der Welt vergessen. Geschäftsfrauen, meist in einfarbigen Etuikleidern oder strengen Kostümen, zelebrierten ihre Reise. Vor jedem Flug gingen sie in den Waschraum, prüften ihre Kleidung, ihr Parfum, ihre Frisur und ihr Make-up. Fernweh ist ein euphorisches Gefühl - wenn die Flüge aufgerufen werden. Wenn die Reisenden nicht mehr zu sehen sind, wenn man sie im Flugzeug weiß, fühlt man sich verlassen und frei, ausgeschlossen und ausgesetzt, gefangen und entfesselt. Auf einem Rummel ist das überhaupt kein Gegensatz. Im Leben ist es ein ziemlich schwieriger Gegensatz, denn im Reich der Toten wird niemand älter; und so müssen Trauernde wirklich darauf achten, dass sie in ihren Erinnerungen älter werden, denn sie sind die Lebenden. Erinnerung ist keine einfache Geisterwelt.