Jetzt steh ich da

Marschner_Telespargel
…wie ein Idiot. Ich höre das in letzter Zeit sehr viele Menschen sagen. Natürlich nicht in meinem Bestattungsinstitut. Bei mir wissen die Menschen, was die Göttliche einst in der Süddeutschen beschrieb. Sie sind Menschen. Das scheint der schmerzlichste Teil am Ende eines jeden Lebens, das immer selbst konstruiert bleiben wird. Meine Großmutter baute meine Ängste vor Obrigkeiten stets mit diesem Satz ab: "Auch vergoldete Wasserhähne geben nur Wasser, meine Kleene." Meine Großmutter konnte nicht hören, dass die Wassserhähne gockelten und krähten: "Borten verlängern ihre Jeanshosen - ausgeflippt psychodelische 70er Jahre Muster." Meine Großmutter schütze ihre wertvollen Kleider mit einer Kittelbluse. Im Sommer war diese Kittelbluse, die von bunten Blumen überfallen war, eh luftiger und frischer. Sie wollte ihre guten Kleider nicht vollschwitzen. Meine Jeans mit ausgeflippter Borte war eben kein IPad, kein IPhone, kein Apple. Ich wollte kein Mensch sein, der die Dinge beim Namen nennt. Ich wollte kein Mensch sein, der sagt: "Ja! Und! Meine Jeans hat eine ausgeflippt psychodelische Borte; und Deine letzte Jeans, ohne Borte, wird keine Taschen haben!" Damit gewinnt man in dieser Gesellschaft keine Freunde, die Freunde sind, weil eine Jeans keine Borte hat. Meine beste Freundin schrieb damals in mein Poesie Album: "Nie verlerne, so zu lachen, wie Du jetzt lachst, froh und frei. Denn ein Leben ohne Lachen ist ein Frühling ohne Mai." Ich fand das verlogen, verheuchelt und überhaupt nicht poetisch, denn schließlich ist ein Leben mit Borte an der Jeans nicht froh und frei. Die glänzend ausgestanzten "Lackkinder" in bortenlos kurzen Hosen, mit Glitterpartikeln bestäubt, trösteten mich nicht. Sie machten mich eher wütend, weil sie mein Poesie Album verschandelten. Ich malte Ihnen kurzerhand Borten an die Hosen. Ich fand das damals angemessen dramatisch, poetisch, preisverdächtig, denn nun waren auch sie Idioten - also Menschen.