Landing

Marschner_Allgaeu
In dieser Gesellschaft herrscht eine absurde, äußerst grotesk lustlose Abflugstimmung. Boardingtime. Final Call: G20. Boarding. Final Call: G20. Billig in die Luft und der billigen Stewardess zeigen, dass ihr billig abgepacktes Menü unter aller Würde…um dann über genau diesen Gedanken zu stolpern. Bloß nicht landen. So ähnlich arbeiten schwitzende Broker mit ihren Anlegern, wenn es heikel an der Wall Street wird. Maximal-Boarding. Maximale Aufstiege trösten über die abgestürzten Flugobjekte hinweg. Reiche Anleger bevorzugen dann stets die Illusion. Sie steigen ein. Sie sind oben. Die Wahrheit möchte niemand aussprechen. Die Kühle (Frau Meckel von der WiWo) hat in ihrem Block gebloggt. Es geht - natürlich - um den Gipfel der 20. "Die Gewalt bei G20 ist mit nichts zu rechtfertigen. Sie gehört geahndet. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Oder doch?" Sie schreibt über menschliche Steinschleudern, über Bürgerkrieg, über Brandbeschleuniger. Billige Agent Provocateure, also staatliche Anheizer, darf sie nicht erwähnen: Meister Propper, auf der Titelseite der WiWo, putzt so sauber, dass man sich drin' spiegeln soll. Leider geht die Kühle in die Groteske und führt an: "Kapitalismuskritik? lächerlich." Dann setzt sie die Randalierer mit manch einem G20-Gast auf eine Stufe. Aha. Plünderungen. Zerstörungen. Verkauf von Raubgütern. Vernichtung überproduzierter Lebensmittel. Das Wort lächerlich passt nicht recht in ihren sicher kolossalen Wortschatz. Das klingt nach Boardingtime. Das klingt nach einer schlichten und sehr einfachen Gemeinheit. Das Wertlose, das Austauschbare ist plötzlich heilig. Nun meinen jene Befürworter der Transparenz, dass ich mich vor ihren Titeln fürchten müsse, wie wahrscheinlich auch vor goldenen Fahrstühlen. Kapitalismus wird nicht hübscher, wenn man Ärzte, Journalisten oder Lehrer unterbezahlt. Im Gegenteil. Für Arbeiter, also für die kochenden Frösche der Gesellschaft, wird es umso schlimmer. Wenn eine erwachsene Frau vor einem fremden Auto bitterlich weint, weil dieses Auto ausgebrannt ist, dann erwarte ich nicht, dass so eine Frau versteht, was meine Hinterbliebenen durchmachen, was Trauer meint. Und eine Professorin sollte genau heute ein Referat über Facebook-Geburtstagstorten halten, die sie nicht liken kann.