Schein und Sein

Marschner_Feuer
Instagram ist für mich eine reine Studienreise. Kürzlich betrachtete ich die Wand einer Frau aus Neuseeland, die nicht eine treffende Beschreibung für sich selbst finden kann: >Bestatterin. Model. Ästhetin.< Weder noch. Diese Instagram_Wand dokumentiert das trostlose Leben einer neurotischen Frau, die am Ende ihre weiblichen Rundungen und auch ihre Kleider ablegt. Sie instrumentalisiert - auch 5 Pudel, um der Menschheit den Vorwurf machen zu können: "Ihr versteht mich nicht. Meine Pudel schon. Chanel liebt mich und deshalb bin ich eine Poetin." Ich will damit 2 Dinge zum Ausdruck bringen. 1. Hunde sollten schnell unter den Schirm der Menschenrechte gestellt werden. 2. Mein Beruf sollte nicht zu einer offenen Psychiatrie verkommen. Es gibt Menschen, die über meinen Beruf sprechen wollen, weil sie ES lustig finden. ES ist ein Trugbild, das die ureigene Leere aufpeppen soll. Heute sehe ich mir die absolut geniale Instagram_Wand eines verstorbenen Fotografen an, geboren in Heidelberg. Sein erstes Foto zeigt einen Fisch im Wasser. Er lebte in Berlin. Sein zweites Foto zeigt ein Kind mit einem Vierkantschlüssel im Rücken. Seine tiefe und ehrliche Verachtung fesselt mich sofort. Die Zeitungen beschreiben einen Starfotografen. An seiner Wand sehe ich Menschen, die seine tiefe Verachtung begründen. Sie ziehen ihn an und dann stirbt er. Sein letztes Bild ist eine Trockensurferin. Ihr Board steht auf zwei Holzblöcken in einem Garten. Sie hat nicht das Meer hinter sich. Sie hat eine Mauer hinter sich. Seine Bilder entkernen. Die schlechten Zähne und die hängenden Schlupflider dominieren ein eingeklemmtes Bild von Jürgen Vogel. Iris Berben rupft ein Kissen. Federn würde sie sich nicht. Unzählige Frauen und Männer stecken sich Gummibälle für jenen Fotografen in den Mund. Seine Bilder haben nicht die sexuelle Heftigkeit eines Helmut Newton. Wilson Gonzalez Ochsenknecht posiert in Bikini und bemalten Lippen; er posiert mit Waffen. Einer, der das Böse nicht fürchtet. Tatsächlich rief er die Mami-Polizei nach seiner C-Komödie über Afghanistan. Soldaten gingen ihn verbal an und da traute sich der kleine Ochsenknecht nicht mehr aus dem Haus. Nach dem Tod des Fotografen wird er schmierig-religiös als "eine begnadete Seele" bezeichnet. Auf einem Foto sieht man viele naive Schafe vor einem Kreuz. Auf einem anderen Foto hält sich jemand eine Super 8 Kamera an die Schläfe. Verwirrter Bandsalat läuft aus seinen Ohren. Dieter Hallervorden grinst doof. Eine geschlitzte Zunge ist ein wesentlicher Aufdecker. Benno Führmann ist der Authentische. Der Fotograf selbst sitzt, mit Kind im Arm, auf dem Fußboden. Er trinkt Bier. Dem Kind gibt er das Milchfläschchen. Ein grotesker und flacher Versuch den toten Kurt Cobain zu treffen. Oliver Rath war sicher kein Starfotograf. Im Kern hat er Menschen, die sich für Stars halten, generös vorgeführt. Sein Foto Suck Life meint nicht Life sucks.