Das geistige Erbe (an)treten

marschner_star_wars
CSD-Demonstration. PRIDE. Treffpunkt Verkehrskanzel Joachimsthaler/Ecke Ku-Damm. Die Freude, einen Bekannten zu treffen, den ich 1 Jahr lang nicht traf, überwiegt. Ich gewinne aber nach kürzester Zeit den Eindruck, dass ich/wir für einen zynischen Verein laufen: „Lass uns das Erbe zertreten. Der Antritt ist sO dermaßen anstrengend!“ Die Auftaktreden gehen mangels Technik unter - und ich weiß, dass eine W-Lan-Connection, ein Skype-Intro möglich ist. Die Reden, teils vom Zettel abgelesen, kommen über schlechte Lautsprecher, die sich gegen bereits laufende Musik behaupten müssen. „Es ist unser Körper.“ Wir stellen uns selbst ein Bein. Zwei Männer aus Paris sprechen mich an. Sie zeigen mir einen Regenbogensticker vom Tagesspiegel. Sie möchten wissen, wer für den Tagesspiegel zeichnet. Ich erkläre beiden, dass der Verleger eine Frau war, dass Redakteure seinerzeit in der Christopher Street kämpften, dass der Regenbogen aus einer Regenbogenpresse gesprungen ist. Die Frage zeigt mir, dass das Erbe erfolgreich zertreten wurde. Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Der Verein pfercht uns in Nebenstraßen. Wir gehen also in der Hitze, treten uns fast auf die Füße. Ein stolzer Gang ist unmöglich. „Es ist meine Identität.“ Meine Identität ist es nicht. Eine Demonstration, die faule Kompromisse schließt, ist keine Demonstration. Ich entdecke ein erstes humanes Pappschild aus Tajikistan: „I am afraid that my parents disown me.“ Das weite Feld wird von bedruckten Regenbogenfahnen dominiert. Die demonstrieren ihre aktuellsten Paketfalten. Eine Fahne verkommt zum Werbeartikel. Bayer darf sich auf eine Regenbogenfahne drucken. Der Dank für viele Probanden? St. Pauli`s Totenkopf auf der Fahne bekundet sicher tiefe Trauer. Nach der skandalösen Erfahrung mit einem heterosexuellen Hochstapler hat die BMW-Erbin sicher den Regenbogen-BMW für den CSD 2018 lackieren lassen. Transsexuelle Autoverkäufer*innen sollten den Versuch wagen und sich offenherzig im Stammhaus bewerben. Der DGB fordert mehr Sex. Mit wem eigentlich? Vielleicht mit der BVG? Unbewachte Bahnhöfe als Zeichen der Offenheit. Tom of Finland sollte täglich U-Bahn fahren. Ach, pardon. Der wurde vor langer Zeit vom Pride entfernt. Frauen haben sich mächtig empört. Er hat sich von Absolut Vodka kaufen lassen. Das war übrigens auch die Taktik von Herrn Wowereit, wenn er kritisiert wurde: "Jetzt verkaufe ich ganz Berlin!" Das ist weder mündig noch erwachsen. Die Deutsche Bank hat ein gutes Soundsystem. Auf dem Wagen tragen Tanzende blaue Hüte. Es ist unser Leben.“ Mein Leben ist es nicht. Condor wirbt auf einem Regenbogenstirnband. Die Trägerin hat einen wirklich schnellen Flug erwischt und ich frage mich: "Warum möchte eine Frau - während einer zweistündigen Demonstration - über alle Maße betrunken sein? Ich erinnere Wortfetzen eines jungen Auftaktredners: „WIR haben unendlich viel erreicht. Feiern ist auch politisch.“ Er spuckt auf die Erbstücke aller Vorkämpfer, Esprit, eine eigenwillige Eleganz, ein unglaublich hohes Erkenntnisvermögen. Darth Vader steht am Regenbogen-BMW. Weiße Troops hampeln ohne Helm herum. Ein Astronaut läuft in Zeitlupe quer durchs Bild. Das Leben der Toten wird ignoriert. Das Ansehen jedes einzelnen Toten wird durch polemische Gegenargumente verhöhnt. Abgeschlossene Dokumente lassen keine fremden Argumente zu. Es war ihr Leben! Ich bin froh und glücklich, dass die Beamten der Polizei keine Regenbogenwesten tragen. Ihre freundlich vehemente Integrität bei der Sturmwarnung ist echt. Gay People sollten beim nächsten PRIDE hohe Gagen verlangen. Immerhin sollen sie sich wie die Äffchen drehen. Sie sollen zur Belustigung tanzen. Und sie sollen sich hübsch anmalen.