Skulls und Skills

Marschner_Punk
Ich durchdenke viele Trauerfälle. Du durchlebst noch keinen Trauerfall. Wir leben beide in einer Stadt und trotzdem sind unsere Geschichten so unterschiedlich, weil wir anders - aus uns heraus - sehen. In Berlin-Kreuzberg macht man Picknick auf einem Friedhof. In Berlin-Rudow wäre das undenkbar. Dir gehört die Gegenwart und die Zukunft. Mir gehört die Gegenwart und die Vergangenheit. Im Radio sagt ein recht müder junger Mann: "Wir sollten mehr über unsere Skills reden." Er spricht leider nicht über seine eigenen Fähigkeiten. Wahrscheinlich kennt er sich selbst nicht gut. Wenn er Amerikaner werden möchte, dann muss er sich und seine Fähigkeiten sehr genau kennen. Er muss Optimismus versprühen können. Das ist eine Fähigkeit. Dann wird er das europäische Publikum unterhalten müssen. Die müssen gespielt sagen: "Du bist ein Künstler? Great. Erzähl uns etwas darüber. Zeig uns Deine Kunst." In Deutschland wird das nicht passieren, weil wir uns nur Fähigkeiten erlauben, wenn wir sie Skills nennen. Das klingt nach Spielkind. Man muss es also nicht ernst nehmen. So humpeln Kinder, Menschen in die Zukunft. Die Toten erzählen etwas. Mitten in Berlin findet man ein Mahnmal. Es soll nicht an DIE Toten erinnern. Es erinnert an Deine und meine Toten. Der Film 'Phoenix', von Christian Petzold, erklärt sehr genau, warum es Deine und meine Toten sind. Dieser Film erzählt auch etwas über eine gescheiterte Multikultur. Er eröffnet, was Hannah Arendt mit der Banalität des Bösen meinte. Es geht nicht um eine neue kollektive Depression. Es geht nicht um bremsenden Angstschaum. Es geht nicht darum, dass man in fremder Asche rumstochert. Es geht darum, sich zu läutern, sich neu zu beseelen, das gefühlt Falsche zu verbrennen, um dann, wie ein nobler und sicherer und schöner Phoenix, aus der Asche zu steigen. Wenn Du einen Trauerfall durchlebst…geh zu Deinem Grab und finde diesen einen Satz in Dir, den Du immer an Deinem Verstorbenen mochtest. Schütze ihn, wie einen Flügel.