Der Schlaf

Marschner_Schlaf
Mitten im Notdienst kämpfen zwei Katzen in den Höfen. Sie zerfetzen ein versnobtes MIAU. Ein schreiendes A geht in ein knurrendes U über. Zwei Mäuse rennen davon. Kleine Kinder weinen leise und lauter. Ein Fenster geht auf. Ein Fenster geht zu. Knirschende Kieselsteine kündigen schleichende Teenager an, die sich gegenseitig besuchen. Das Licht im Hausflur geht an und wirft sich in den Hof. Jemand schiebt sein Fahrrad. Ein Schloss rastet ein. In der Dunkelheit bewegen sich zwei Reflektoren. Eine Wasserschlange stellt sich auf; sie scheint die Pflanzen zu wässern. Es ist der Pflanzenliebhaber, der die Kräfte des Mondes nutzt, vielleicht auch die Kräfte der Nacht, vielleicht auch seine Schlaflosigkeit. Ich verorte mich extrem schnell. Traurige Menschen verorten sich oft überhaupt nicht gut. Das sind Teenager, die ihre Kindheit sterben sehen. Das sind Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Das sind eben Menschen, die alles verloren haben. Dieses gefühlte ALLES sollte man niemals widerlegen. Teenager und Teenager, die aus Kriegsgebieten kommen, vereint eine Flucht in den Schlaf. Sie machen die Nacht zum Tag und verschlafen möglichst jeden Tag, weil sie sich im Alltag nicht verorten können. In der Nacht schläft jeder Vormund. Dieses grauenhaft schauderhafte Wort allein ist ein Argument für die Nacht. Ein Vormund, gesellschaftlicher Hallux Valgus, verhindert jeden autonomen Auftritt. In einer Kolumne lese ich die Geschichte eines geschiedenen Kolumnisten, mit ohne Tochter, der einen jungen Mann aus Syrien beherbergt. Im Grunde ist es die Klageschrift eines zahlenden Vormundes, der keine Freunde hat. Er beschwert sich über das nicht geputzte Bad, über einen jungen Mann aus Syrien, der sich nicht einbringt, der den ganzen Tag verschläft. Ist das nicht einfach ganz wunderbar, dass ein traumatisierter Mensch instinktiv im Schlaf Zuflucht sucht, um jene Träume zu finden, die ihn regenerieren, die ihm Frieden und Ruhe bringen?! Wer nach einem Trauerfall nicht schlafen kann, sollte weder Tabletten noch Alkohol zu sich nehmen. Der Schlaf kommt immer. Menschen müssen nur wissen, wann sie ihre Augen schließen möchten.