Handwerker ehren die Toten

Marschner_Schloßstraße
Man muss ihre Sprache verstehen lernen. Direkte Fragen mögen Handwerker meist nicht. Sie sind enorm stolz. "Ich mache mir keine Sorgen." So antworten sie auf die Frage: "Machen sie sich Sorgen?" Esoterik liegt ihnen nicht. Sie wollen nicht im Kummer schwelgen. Sie wollen kein Mitleid ernten. Handwerker jammern nur selten. Das wäre ihr berufliches AUS. Der Dachdecker kann sich keine Höhenangst leisten. Der Schweißer kann sich keine Platzangst im Straßenkanal leisten. Der Gas-Wasserinstallateur kann keine Phobie vor Mäusen, Ratten und Spinnen kultivieren. Ein Feuerwehrmann muss den Geruch von Urin, Schweiß und Erbrochenem ertragen können. Handwerker arbeiten härter und noch härter. Sie arbeiten ihre Sorgen zur Seite. Ein Bandscheibenvorfall hat für sie keine psychologischen Übertragungen. Sie sind keine gebrochenen Männer, die sich ihr Leben ansehen sollten. Sie möchten operiert werden. Sie möchten ihr Handwerk ausüben können. Handwerker suchen Bäckereien auf, weil sie belegte Brötchen lieben. Meist trinken sie starken schwarzen Kaffee dazu. Die Lindner´sche Gedankenakrobatik ist ihnen suspekt. Sie zweifeln nicht selten an seiner geistigen Gesundheit. Der Mannheimer Handwerker, Luigi Toscano, machte sich große Sorgen. Der Fotograf, der sich als Handwerker versteht, machte sich auf seinen Weg. Er erkannte, dass die Geschichten jener Menschen, die das Schreckliche überlebt haben, in Vergessenheit geraten könnten. Er besuchte und portraitierte mehr als 200 Überlebende der NS-Verfolgung in Deutschland, in der Ukraine, in Israel, in den USA. An einem Apriltag laufe ich durch die Charlottenburger Schlossstraße. Auf dem Mittelstreifen spielen Menschen Boule. Die Sonne fällt auf enorm große Portraits. Menschen spazieren durch die Schlossstraße. Sie setzen sich auf Parkbänke. Sie ruhen sich an einem sonnigen Tag aus. Sie alle machen sich Sorgen. Menschen machen sich immer Sorgen. Es sind kulturelle Sorgen, materielle Sorgen, seelische Sorgen. Ich stehe vor dem Gesicht einer alten Dame. Ich mag alte Menschen. Ich mochte sie schon als Kind gerne. Sie beruhigen mich, weil sie dem Tod die Stirn boten. Sie hatten mächtige Überlebensformeln - gemacht aus Musik, aus Tänzen, aus Gedichten, aus kleinen und großen Erinnerungen, aus Ritualen. Der Handwerker Luigi Toscano müsste das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er verbindet Menschen - ohne sie ständig zu mahnen. Er spricht den freien Willen an - ohne eine eigene Zwanghaftigkeit zu projizieren. Das ist Handwerk. Aber ein Handwerker mit einem Bundesverdienstkreuz ist nicht erwünscht!