Die Sonne wird im Ozean versinken

Marschner_Marzahn
Vielleicht könnte man mit der Abschaffung eines Satzes die ganze Welt retten: "Regeln sind da um gebrochen zu werden." Ein überflüssiger Satz, wie ich finde, denn der Aufsager gibt lediglich zu, dass er nie über ein Regelwerk nachgedacht hat, dass er selbst wackelige Regeln aufstellt, damit er sie brechen kann. Man kann mit der Mathematik das Licht brechen. Eine wirklich schöne Regel. Die Straßenverkehrsregeln gleichen einer weltweiten Friedensbewegung. Der Überlebenskampf, der Lebenskampf macht aus einer Minute Stunden. Eine Trauerfeier macht aus einer Stunde eine Minute. Der Tod verändert die Regeln. Er kann sie nicht brechen, weil er keine Regeln kennt. Ein Abschied wird zu einem schrecklichen Überlebenskampf, wenn man gegen seine Trauer ankämpft. Die Wellen bauen sich auf und das Wasser steigt und steigt und steigt. Man kann nur bleiben und warten. 1 Jahr vergeht schnell, wenn man das Licht beobachtet, das sich im Wasser bricht, um Erinnerungen an eine Wand zu werfen. Das Wasser sinkt innerhalb eines Jahres. Trauerregeln sollte man nicht aufstellen. Sie sinken und lassen das Wasser ansteigen. Die vielen Trugbilder sind wirklich übel und gemein: "Ich stehe im Wasser. Alle anderen Menschen kuscheln sich in ihre Couchgarnituren hinein. Sie knabbern Nüsschen. Sie sehen sich einen Krimi an; und dabei können sie sogar einschlafen. Ich darf nicht einschlafen, weil ich nicht ertrinken will." Die Sonne versinkt und dann wird es dunkel. 1 Jahr lang. Der Kampf gegen die Dunkelheit lässt das Trauerjahr nie vergehen. Die Geister, die aus der Dunkelheit kommen, halten wach. Sie machen aus dem Trauerjahr 1 Woche. Kultur verändert Regeln. Mit den ersten Sonnenstrahlen sieht man erste Menschen. Sie kommen aus dem Burger King und beißen in einen Cheeseburger: "Voll Cool, da steht jemand im Wasser." Andere schauen betroffen, betreten und bedrückt. Sie springen in ihr Auto und fahren davon. Manche Menschen sehen nichts. Nach etwa 6 Monaten kommen jene Fragen, die sich Trauernde selbst stellen: "Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht mehr im Wasser stehen muss? Gehe ich dann zu Burger King und kaufe einen Cheeseburger?" Das Loslassen, die letzte und schlimmste Etappe im Trauerjahr, ist in dieser Gesellschaft nicht möglich. Trauernde haben sich selbst kultiviert. Sie haben eine Kultur aufgebaut und gepflegt. Sie sollen, laut Regel, in eine unfreundlich gebaute Kulturlosigkeit? Das wird niemals klappen. Diese Gesellschaft wird viele Millionen Menschen verlieren.