Reflektieren

Marschner_Nikon
Ich wurde kürzlich gefragt, warum ich keine Anzeige im Magazin Siegessäule schalte. Die Frage einer politisch überaus resoluten und erwachsenen Dame hatte eine zögerliche, leicht bockige Note, nuanciert provokant, ohne jede Würze. Auf ihrer Zunge lag ein merkwürdig erpresserischer Unterton: Wenn man nicht im Magazin der Community wirbt, dann geht die Community zu jenen, die dort werben. Was man nicht rausfinden möchte, das findet man nicht raus. Ich las, online, einen aktuellen Artikel in der Siegessäule, der sich über die zerpflückte Community wundert. Da driften Menschen ins rechte Lager. Da driften Menschen ins linke Lager: Dynamik. Es gibt aber auch Menschen, die driften weg. Nun gehört dieses für die Leser stets kostenlose Stadtmagazin zu den Urgesteinen der Berliner Szene. Sie starteten mit bescheidenem Papier. Dafür hatten die Artikel Biss und Witz und scharfe Ironie. Die Community, Floristen, Anwälte, Steuerberater, das erste Bestattungsinstitut, Heilpraktiker, Fahrradläden, Friseure…schalteten Anzeigen dort, weil sie sich anschließen wollten, sich zeigen wollten - obgleich es nicht billig war. Ein Kunde, der eine Postkartengröße schaltete, musste knapp 800,—DM, später knapp 500,—€ im Monat bezahlen. Das sind in 10 Jahren schnelle 60.000,—Euro pro Kunde. Wurden die Kunden gepflegt? Nein. Gab es eine Anzeigenberatung? Nein. Aus dem Heft wurde ein Hochglanzmagazin - dank der Anzeigenkunden, die man wie Kühe melkte. Nun stieg Jacobs Kaffee ein, die Zigarettenmarke West. Sie machten das nicht, weil sie gayfriendly waren. Sie machten das, um einen Markt abzugrasen. Die Arroganz folgte sehr schnell. Nicht nur die Anzeigenleitung, auch die Journalisten hatten vieles nicht mehr nötig. Was habe ich, Claudia Marschner, mit einem Ehrmann Joghurt, mit der Firma Opel am Hut? Wenn ich einem Magazin dankbar bin, dann danke ich dem Magazin RENK (dt. Farbe), weil man dort frei, frisch und weltoffen eine kleine Geschichte von mir vertonte. So funktioniert Community. Die Siegessäule liegt, wie eine Tote, in jedem Club, in Regenbogen-Arztpraxen, also bei den Anzeigenkunden. Den dortigen Journalisten zog man vor langer Zeit die Zähne, weil Anzeigenkunden…