Kultur in der Unkultur

Marschner_Gie├čkanne
In einer zunehmenden Unkultur ist der Aufbau und Erhalt von Kultur enorm wichtig. Ich erinnere laute Menschen auf den Stelen der Stiftung Topographie des Terrors. Ich erinnere Eltern auf Kreuzberger Friedhöfen, die mit ihren Kindern Picknick machen. Ich erinnere kotzende und rülpsende Menschen auf dem Münchner Oktoberfest. Ich erinnere den Uringestank im Tiergarten nach der Loveparade. Ich erinnere den Ballermann auf Mallorca, der wohl die ersten Verzweifelten dokumentierte, die ihrer Kultur beraubt wurden. Spanien möge es der Welt verzeihen - möge aber leise einräumen, dass Touristenplattenbauten auf einer einzigartig grünen Insel ebenfalls zu einer Unkultur gehören. Schuld sind Konzerne und Lobbyisten, die einen Flug zum Preis einer innerstädtischen Taxifahrt anbieten. Viele Reisebüros wurden vom Markt gekegelt. Wenige Reisebüros sind noch heute Kontrollinstanzen, weil qualifiziert ausgebildete Reisekaufleute Kulturpfleger waren und sind. In Amerika müssen Menschen bedenken, dass sie seit Jahren auch an allem die Schuld tragen. Der volkstümliche Satz in Deutschland lautet nach wie vor: "In Amerika sitzen Menschen auch auf Friedhöfen und essen ihr Sandwich." - oder "Der Architekt Libeskind hat gesagt…" Eine glatte Lüge, die eventuell die Fake News förderte. Die deutsche Nachrichtenkultur verfällt unter der eigenen Konzernstruktur, also unter den Lobbyisten. Die sechs besten Journalisten aus sechs Ländern wurden vom Markt gekegelt. Die Nachrichtenagenturen und Wiki lassen Nachrichten gleich aussehen. Heute klingt eine Nachricht sinngemäß so: "Schäuble will Merz, holt ihn also, weil er noch immer sauer auf die Kanzlerin ist; und Merz kommt auch prompt, weil der auch noch sauer auf die Kanzlerin ist." Jeder kultivierte Wähler kann nicht glauben, dass ein Mensch, der in sämtlichen Aufsichtsräten sitzt, auch bei BlackRock, eine Partei anführen wird. Merz sagt: "Sie sehen einen Europäer." Dieser Satz reicht - auch für einen Zeitungsartikel. Die Unkultur ist begeistert. Der nächste Kanzler ohne Vision kündigt sich an. Jeder kultivierte Mensch, der morgens aufsteht, seine Zähne mit einer Pasta putzt, täglich eine relativ ähnliche Körperkultur pflegt, weiß, dass seine Kleidung in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft lebendige Label trug: made in Italy, made in Spain, made in Paris, made in Germany… Er fragt sich also: "Kaufe ich in 3 Jahren eigentlich Aktien? Oder gehe ich in 3 Jahren tatsächlich noch wählen?" Frau von der Leyen hat seit Jahren eine berufliche Affäre mit Mc Kinsey. Die Unkultur vertreibt mich innerlich. Ich denke an Paris. Ich denke an den Friedhof Père Lachaise. Kein Mensch sitzt auf den Gräbern von Jim Morrison, Oscar Wilde oder Edith Piaf. Ich bin mir sehr sicher, dass nicht ein Amerikaner Picknick auf einem Friedhof macht, Trauernde in sinnloses Gerede verstrickt. Die schlichteste aller Kulturen pflegt das vereinsamte Grab. Sie schreibt nicht über einsame Gräber und kultiviert die Unkultur! Die schlichteste aller Kulturen füllt eine Kanne mit kostenlosem Wasser und gießt ein trockenes Grab. Sie schreibt nicht über trockene Gräber, öffnet Investment Groups die Türen, um Eigentumswohnungen auf dem Rücken der Toten zu bauen. Das gleicht einer kotzenden Unkultur auf dem Oktoberfest, gründet den Ballermann und rülpst selbstgefällige politische Fragmente.