Klangfamilien

Marschner_Christmette
Klangfamilien sind in Berlin, die Stadt der Dichter und Denker, der Musiker und Komponisten, der Schriftsteller und Poeten, lebenswichtig. Andernfalls hätte die SPD mit den Korrektoren und den Lektoren geworben. Eine kleine sprachliche Klangfamilie beschreibt zum Beispiel die Sandalen und die Pedalen. Kinder sollten das wissen. Schriftsteller und Poeten sind die stillen Randalen, die aus den Grammagefängnissen ausbrechen müssen. Sie müssen die Korrektoren und die Lektoren verlassen - nach der Schulzeit. Man kann natürlich auch 14 Bücher abschreiben, ein großes Werk ausdrücken, benutzen, sezieren und korrigieren. Das setzt jene kalte Berechnung voraus, die jeden Zauber vernichten muss. Es ist Weihnachten. Ich fahre am späten Abend durch Kreuzberg. In der Zossener fällt ein üppiges, freies und großzügiges Glockenkonzert in meine Ohren. Pfarrer Storck scheint für Geburten die Klangfamilie -A- ins Rollen zu bringen; und die klingt berlin-französisch: Padam, Madame, Padam, Brrramm, Padda-da-damm, Madame, Padam… Ich finde in Kreuzberg einen Parkplatz. Das ist ein klarer Beweis: Weihnacht in Berlin. Nichts an mir sitzt perfekt. Mit Hoody, Parker, neuen Farbspritzern auf alten Turnschuhen und Rissen in der Jeans zur Christmette. Ich bleibe hinten, bei jenen Menschen, die sich im Licht schämen. Ich verschwinde zwischen rauen Bärten, rissigen Händen und getapten Schuhen. Es riecht ein wenig nach Alkohol. Die Kirche ist voll. Jeder Sitzplatz ist belegt. Schöne Menschen. Junge Menschen. Ein kleiner Hund sitzt auf einem Männerarm. Er zelebriert den unschuldigen Blick. Das Stimmengewirr klingt spanisch-britisch-polnisch-französisch-deutsch. Der dunkle Raum füllt sich. Ein Mann mit grünen Haaren setzt sich auf einen Tisch. Seine Begleiterin hat lange fast weiße Haare. Die Besucher halten Kerzen in ihren Händen, die am Eingang verteilt wurden. Der Chor steht auf der Empore bereit. Die Orgelpfeifen erinnern mich heute an Pipetten. Plötzlich betreten zwei Polizisten die Kirche. Mein Herz zieht sich zusammen. Sie kommen direkt auf uns zu. Leise und freundlich sprechen sie zwei Männer an, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Einer der Männer nimmt seinen Rucksack. Und dann wird klar: Sie fallen in das Täterprofil der Selbstmordattentäter. Der Mann mit dem Rucksack läuft an mir vorbei. Er hält seine Kerze fest und blickt zu Boden. Er schämt sich im "Rampenlicht". Alle Menschen in der Kirche schämen sich. Sie kennen dieses Gefühl, wenn das Herz zerknautscht wird, weil man büßen muss, weil man unter Generalverdacht gestellt wird. Sie haben das Fürchten gelernt. Sie haben gelernt, den Koffer, das Paket, den Rucksack, das bestimmte Gesicht zu fürchten. Eine Phrase, dem Terror die Stirn zu bieten, um die Freiheit zu verteidigen, ist nicht erlernbar. Deshalb war die Kirche besucht. Menschen wollen keine politischen Parolen beten. Sie wollen ihre Herzen vor dem Verschluss beschützen; und die Geburt eines Kindes ist der Schlüssel, der alle Herzen öffnet und weitet. Charles Callahan spielt die Orgel. Pfarrer Storck erzählt DIE Geschichte. Mir fällt das Gewicht der Seele ein: 21 Gramm. Padam, Madame, Padam, Brrramm, Padda-da-damm, Madame, Padam…Frohe Weihnachten