Ich möchte nicht, dass man mich so sieht

Marschner_Filmpark_Babelsberg
Das Motto meines Tages lehnt sich an einen Satz, den ich von Hinterbliebenen, besonders von weiblichen Menschen, oft gehört habe: "Ich möchte nicht, dass man mich jetzt so sieht." Die Tränen können nicht gemeint sein. Tränen sind ein Tribut an die Verstorbenen. Gemeint ist eine schwere Verletzung, eine Wunde, die das Angesicht entstellt. Menschen nehmen einen Todesfall als eine körperliche Entstellung wahr. Der Tod des Nächsten reißt etwas aus dem eigenen Körper, aus dem eigenen Angesicht. Im Hochzeitalter der fehlenden Berührungspunkte gibt es mechanische Möglichkeiten. Eine dicke Sonnenbrille macht das Umfeld aufmerksamer und in fremden Räumen muss man sie abnehmen. Die eigenen vier Wände sind eine erste Lösung. Man könnte sein Gesicht schminken. Jene, die sich nicht gut schminken können, finden auf Youtube viele gute Gebrauchsanleitungen. Mir selbst fehlen die echten Berührungspunkte. Heute gehe ich ins Kaufhaus des Westens. Das Licht der Parfümerieabteilung hebt eigenartigerweise die Stimmung. Ich steuere MAC an. Die Damen sind schwer beschäftigt. Offenkundig wünschen sich viele Frauen - und auch Männer: "Ich möchte nicht, dass man mich so sieht." Bei Bobbi Brown treffe ich, ohne jeden Termin, die Visagistin Adela. "Ich möchte nicht, dass man mich so sieht. Können Sie mein ruiniertes Gesicht in irgendeine humane Form bringen, die bitte nicht knallbunt ist." Die resolute Adela lacht freundlich: "Natürlich. Kein Problem. Bitte setzen Sie sich." Ich überlasse ihr mein Gesicht. Sie gibt Tinkturen auf flauschige Wattepads, tupft und reibt mein Gesicht ab. Sie hat plötzlich diesen skeptisch analytischen Blick einer Medizinerin. Mit einer Pinzette rupft Sie mir ein Haar aus dem Kinn. An ihren Hüften hängt eine mit Pinseln und Schwämmchen und Bürstchen gefüllte Gürteltasche. "Ich werde diese Foundation…" Adela vergisst, ihre Sätze zu beenden. In der Mitte eines jeden Satzes fällt sie in die Tiefen ihrer Arbeit. "Der Concealer ist mir etwas zu…" Ein Ehepaar sitzt mir gegenüber. Er lässt sich beraten. Ich kann seine Wunden nicht erkennen. Nach 20 Minuten fühle ich mich verändert und tatsächlich besser. Adelas Worte, ihre sorgsame Behandlung, die duftenden Produkte wirken. Nach 40 Minuten drehe ich mich zum Spiegel. Schade eigentlich. Ich würde gerne den ganzen Tag an Fläschchen riechen, Farbverläufe beobachten, mit Schwämmchen behandelt werden und mir schwarze Parfumbänder von und für Yves Saint Laurent anlegen lassen. Adela hat geholfen.