Verlust

Verlust ist ein Sturm, der eine sehr schmerzhafte Verwandlung herbeiführt. Das Familienmobile verheddert sich, hängt schief, wird einseitig belastet. Es bewegt sich nicht. Die zwangsläufige Freudlosigkeit wirkt sich auf das gesamte Umfeld aus. Jemand muss es entwirren: Ärzte, Therapeuten, Seelsorger, beste Freunde. Kürzlich traf ich einen Journalisten. Er erzählte mir, dass Geschichten, so natürlich auch der Tod, sich durch mehrere Generationen ziehen. Sie sind also im wörtlichsten Sinne heftig. Der Besuch jenes Journalisten bewegte etwas in mir. Seele bewegt sich. Will sagen: Meine Knochen bewegten sich nicht. Etwa 2 Tage später fiel bei mir der Groschen: "Jetzt weiß ich…" Ich erinnerte ein Foto, das im Jahr 1970 gemacht wurde. Es zeigt den Fotografen Sebastião Ribeiro Salgado mit seiner Frau. Seine Fotos kann man nicht vergessen. Das Salz der Erde ist ein richtig schöner Dokumentarfilm von Wim Wenders über ihn und sein Schaffen. Die dunkle Magie, die er mit den Scheußlichkeiten zu heben vermochte, machen seine Fotos bis heute sehr stark. Das wird folgende Generationen extrem schwächen. Ich habe mich gestern gefragt, warum ich an den Cool Kids klebe. Immerhin gibt es neue Songs. Dann habe ich mich gefragt, warum ich an Tina Turner klebe. Immerhin gibt es neue Songs. Wenn man beide Titel gleichzeitig spielt, die Instrumente bei Tina Turner ausblendet (oder die Lautstärke bei den Cool Kids pegelt), passen beide Generationen musikalisch zusammen. Sie haben sogar identische Themen. Heute treffe ich Valeri. Die neue Arbeiterklasse erinnert mich an Marx - auch an Farmer. "Ich mag Vintage.", sagt Valeri. Er meint etwas aus einer anderen Zeit. Vielleicht meint er die Dinge, die eine Seele haben. Trauernde müssen also keine Angst haben, denn es gibt ein Wiedersehen - nur verwandelt. Das Böse hat keine Seele; und die gemeine Frage ist: Muss Weltpolitik zwangsläufig mehrere Generationen schwächen?