Der Rückzugskrimi

Marschner_Portugal
Der natürliche Rückzug bei einem Trauerfall, mein beruflicher Rückzug aus der Gesellschaft ergibt am Ende ein qualitativ sehr, sehr gutes Ergebnis. Gespräche werden nie auf einem Rummel geführt, öffentliche Filmarbeiten lehne ich bei meinen Trauerfeiern ab. Familien sollen filmen, wenn sie die Feier festhalten möchten. Internationale Familienangehörige werden über Skype zugeschaltet. Beamer und Leinwände werden aufgestellt. Die Bilder eines Lebens laufen. Technik eröffnet, öffnet die Herzen, sogar in der Welt. Der gesellschaftliche Rückzug hingegen hat keine Qualität. Einfachste Straßenfragen werden zum Krimi. Ich erfrage die Uhrzeit: "Du hast doch ein Handy, oder?!" Ins Umland fahren und fotografieren wird komplizierter, weil Journalisten offenkundig Flurschäden hinterlassen haben: "Für wen machst Du die Fotos? Werden die irgendwo gedruckt?" (Die Seelen hängen noch bei den Printmedien.) An einem Imbiss frage ich einen Mann: "Schmeckt Ihr Menü? Es sieht köstlich aus" Der Mann zieht den Pappteller etwas weiter zu sich heran: "Hn." Ich bestelle es natürlich, weil es Hn schmeckt: "Ohne Angst; und eine Cola dazu." Selten darf man Menschen sagen, dass sie gut aussehen. "Wie jetzt, schöne Augen? Was meinst´n jetzt damit?!" Das Gegenteil einer qualitativ schlechten Sprache löst oft einen Psychokrimi aus. Top statt Bottom, denke ich nur. Die Werbekampagne: Gesicht zeigen!, scheint noch nicht angekommen. Das wird…Bei der Firma Vattenfall bedanke ich mich für die Abrechnung und frage an, wer die Ablesung durchgeführt hat. Es folgen 5 ermüdende Krimimails: "Sie können die Werte selbst ablesen. Wenn sie nicht stimmen…" Qualität statt Wettbewerb. Ich möchte meinen Hinterbliebenen nur ein einziges Mal sagen können: "Wir leben in einer TOP-Gesellschaft. Sie werden prima aufgefangen." Eine Gesellschaft im Rückzug trägt immer nur die Last der Angst. So einer Gesellschaft bleibt der gesponnene Krimi; und aus einer Witwe wird eine Täterin.