Klangfamilien II

Marschner_Cello
Klangfamilien verstehen sich. Sie verstehen die Kontroversen. Sie verstehen ihre Ausschläge - nach oben und nach vorne. Sie verstehen ihre monströsen Tiefen. Sie verstehen ihre Sehnsüchte, ihre Nöte, ihre Ängste. Die Toten haben viel, viel mehr verdient, als eine Bim-Bim-Bim-Totenglocke. Professor Jan Caeyers schreibt ein Buch über Beethoven: "Der einsame Revolutionär." Ich lese bis zur Seite 100. Ein gespaltener Kopf, ohne eigenen Sound, ohne eigene Klangfamilie, hebt den Weingenuss des Großvaters - neben der Musik. Er stellt tatsächlich in den Raum, dass Beethovens Vater ein Versager war. Professor Caeyers versteckt sich lappig hinter einem Fragezeichen. So macht er aus einer Feststellung eine dumme Frage, die doch nur ein klares Statement ist, für das er sich nicht verantworten muss. Er stammt eindeutig nicht aus Beethovens Klangfamilie. Die Vita des Professors begründet sogar Beethovens Weg in die Einsamkeit. Er schreibt in seinem Buch: "Ta-ta-ta-tAAA!" Dann schnattert er, wie Beethovens Geigen in der 5. Sinfonie. Aufgeregt ist er. Er dreht sich, dreht sich nur um sich selbst. Er verpasst den fernen Ruf. Die Blechbläser rufen Beethoven klarer und klarer. Der Professor hört es nicht. Er schnattert, verzettelt sich in psychologischen Strukturen. Beethovens 5. Sinfonie scheint den Professor rauswerfen zu wollen. Beethoven kämpft sich durch jede Note, wie ein bereits verletzter Löwe. Der Professor möchte Beethoven dressieren. Er schreibt: "Beethoven hatte eine gebräunte Haut. Er war klein. Deshalb nannte man ihn den Spanier." Die 5. Sinfonie bäumt sich auf, zeigt die Löwenpranke. Das Ta-ta-ta-taaa meint: "Das - ist - genug. Das - ist - genug." Der Professor gibt nun Auskunft über seine eigene Klangfamilie, die er sicher nicht kennt. Könnte er eine Elise in eigene Noten kleiden - die Millionen Menschen noch Jahrzente später betrachten mögen? Könnte so ein Professor beim Anblick des Mondes sein Ego ablegen, also sterben, um in tiefe stille Freuden zu fallen? Könnte der Professor die Welt gänzlich aussperren? Nein! Deshalb klebt er an Beethoven. Er begründet unwissend, warum Beethoven - kein Kind der Oberklasse - Beethoven war. Das ist eine peinliche Bim-Bim-Bim-Totenglocke. Ganz nebenbei zeigt dieses Buch, welcher Typus Mensch Familien spaltet. Beethoven gehört nicht in akademische Klassen. Dort werden Manien kultiviert. Prof. Caeyers meint in der Übersetzung, dass Beethoven nicht schreiben konnte. Er konnte ebenfalls nicht rechnen - er konnte nur gut zählen. Er spaltet Ludwig vom Vater und vom Großvater ab. Alle drei ergaben allerdings eine Klangfamilie. Der Schreiber hat nichts entwickelt. Das "Werk" ist unterentwickelt und unterbelichtet. Das Buch kam im Jahr 2012 auf den Markt (Verlag C.H. Beck, München). Die Beteiligten brauchten sicher das Geld. Einen Bestseller wollten sie nicht auf den Markt bringen.