Dienst nach Vorschrift

Marschner_Cross
Dienst nach Vorschrift führt dazu, dass talentierte, politisch interessante Menschen gehen, gehen müssen, gegangen werden. Politik wäre mir egal, wenn sie nicht doch in die Gesellschaft tropfen würde. Gewissermaßen ist Politik nicht ganz dicht. Gestern rief ein älterer Mann an - nüchtern und recht emotionslos. Er fragte nach Preisen, nach Preisen und nach Preisen. Er stand also nicht unter Schock. Ich versuche mich kurz in einen Menschen zu versetzen, der seine 20-Jährige Tochter verloren hat, weil sie sich das Leben nehmen musste. Ein Suizid ist kein Wunsch. Ein Suizid ist der Ausstieg aus einem Kreislauf, der nicht mehr tragbar ist. Der Vater sagte nüchtern, dass seine Tochter eine anonyme Bestattung wünsche. Die Bestattung als Dienst nach Vorschrift, nicht als Dienst am Menschen, nicht als Akt der Liebe. "Wie läuft das jetzt? Ich muss mich auf mein Fahrrad setzen und zum Lokschuppen kommen?!" Er wollte keinen Abschied. Er wünschte keine gute Versorgung für seine Tochter. Er wollte sie nicht in guter Obhut wissen. Er rief zweimal an. Ich blockte seine Telefonnummer - auch die sehr blasse Möglichkeit eines extrem kranken Scherzes. Ich möchte derartige Menschen nicht in meinen Räumen haben. Ich möchte ihnen keinen Stuhl anbieten, keinen Kaffee, keinen Tee, kein Wasser. Sie nehmen die Energie, die den tollen Familien, den Liebenden gehört. So ein Vater ist das Produkt einer kalten Politik, die Menschen kauft, verschiebt und verkauft. Amin spricht mehrere Sprachen. Er hat für die Nato gearbeitet. Er lebt seit einigen Jahren in Deutschland und er liebt Deutschland. Er wird nach Afghanistan abgeschoben. In Rumänien gab er vor langer Zeit seinen Fingerabdruck. Er konnte nicht wissen, dass damit ein Asylantrag gestellt wurde, weil er ausgerechnet diese Sprache nicht beherrscht.