Jenseits - in 2018

Marschner_Nonnen
Es kracht und donnert in der Ferne. Erste Blitze tauchen auf. Abschied und Begrüßung liegen sich. Nörgler drehen sich frei. Sie heulen und dann verschwinden sie. Ich muss in der Nähe sein. Gleich landet der große Vogel. Ich werde mir alles genau ansehen. Ich trage Jeans und bequeme Schuhe. Mein letztes Hemd hat keine Taschen. Deshalb trage ich wohl die Jacke mit den vielen Taschen. Rechts oben eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug. Links oben mein Notizbuch. Rechts unten ein Rosenquarz. Links unten Briefe und Papierfotos. Meine Kamera hängt über meiner Schulter. Das ist nett. Darüber freue ich mich. Zeitwände fallen in kleinen Stäbchen zusammen. Die Zeit legt einen Boden. Das müssten die Fußbodentechniker sehen. Die Zeit verlegt Stäbchenparkett, das Botschaften und Ornamente verbindet. Nur das Beste für die Gäste. Schon hier wird mir klar, dass ich nicht umkehren kann. Was müssten Menschen sagen: "Sie hat gekifft." Dieser Gedanke fällt, wie die Zeitwände, zusammen. Man wird seinen Eltern so ungemein ähnlich. Ich hatte wirklich großes Glück! Seine Eltern kann man sich schließlich nicht aussuchen. Plötzlich explodieren laute Farben am Himmel. Farbbatterien zerplatzen. Schüsse fallen. Laute weiße Blitze prasseln durch die Luft. Es riecht nach Schwefel. Ich bin noch nicht wirklich in 2018. Eine Frau tanzt mit ihrem Kind um einen brennenden Tannenbaum. Sie spielen Indianer. Mächtige Donnerschläge kommen in sortierter Folge. Kleine leuchtende Untertassen schwirren zischelnd durchs Universum. Die bösen Geister müssen noch vertrieben werden. Rituale. Auf einer Brücke begegne ich einem Mann, der mir vertraut ist. Er hält einen Stab in die Höhe, der kleine Feuerbälle ausspuckt. Ist er ein Reiseleiter? "Mensch. Das gibt es ja nicht?! Du bist auch hier? Das ist ja toll." Er zündet einen weiteren Stab an, den er mir reicht: "Hier. Ist lustig." Nun erinnere ich mich selbst an eine Reiseleiterin. Dann erkenne ich ihn. Er verkaufte mir ein schönes dunkelblaues Hemd - das keine Taschen hat. Ich bitte ihn um sein persönliches Wort für 2018. Ohne zu überlegen sagt er: "Wahrheit!" Mutig zieht er das komplizierteste Schwert, das nur die Selbstlüge richten darf. Ich löse mich und schaue mir weiter das Neue an. "Schönes Neues Haar." Eine sanfte humorvolle Stimme dringt durch den Donner. Zwischen Schwärmern und Heulern, die in ihrem Nebel und in ihrem Schwefel untergehen, erkenne ich ein strahlendes Gesicht. Ich bin auf der Nonnenseite des Lebens. Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz schickten zur Begrüßung eine Nonne ihres Ordens. Das erste Gesicht, das ich in 2018 sehe, ist keine Hoheit. Es ist eine Wahrheit, die tausend Erinnerungen überreicht. Ich bin neu hier. Ich bin nicht tot.