offener Brief an Carolin Emcke

Marschner_Carolin Emcke
Sehr geehrte Carolin Emcke, natürlich ging ich zum gestrigen PRIDE, zum CSD Berlin 2017. Jene, die die Demo bei Regen verließen, weil die Nässe in die Knochen zog, konnten versichert nach Hause gehen, weil andere nach ihrer Arbeit zur Demonstration gingen. Eine logische Verteilung schmälert den Wert einer Sache also nie. Der Regen machte klar, was ich an der Gay-Community so sehr mag. Fremde Menschen, die sich im Kern einig sind, rücken zusammen, teilen einen Regenschirm, ziehen mich unter schützende Imbisswagendächer. Und plötzlich hat man viele Freunde, die scherzen, die sich amüsierend verstehen, die auf die Sonne warten. Jene, die ihren traditionellen Kopfschmuck tragen, die traditionell queere Trachten tragen, haben stets den Vortritt. Es sind also keine Verkleidungen, die an Fasching erinnern sollen. Und so dürfen sie nicht an Fasching erinnern. Es ist das Innere, das im Außen gezeigt werden darf. Demnach ist mein inneres Selbst so langweilig wie mein äußeres Selbst. Ich lernte Dirk und Thomas kennen. Sie trugen keine queeren Trachten. Sie trugen keinen Kopfschmuck, keine Federn, keine Perlen im Haar. Sie waren nicht tätowiert. Ihre Gesichter zeigten keine festlichen, keine traditionellen Bemalungen. Gegen Abend kam die Sonne tatsächlich noch und wir drei gingen den Weg weiter, bis zum Brandenburger Tor. An einer Tanzfläche stand ein Mann. Er trug einen aufwendigen Kopfschmuck (s)eines Indianerstammes. Die Perlen, die Federn, die Stickarbeiten am und im Leder zeigten klar, dass es sich nicht um eine Verkleidung handelte, nicht um Fasching, nicht um Karneval. Sein Kopfschmuck war echt. Die authentische Welt ist eine schöne, eine erstrebenswerte Welt. Ich sah und hörte Ihre Rede in der Paulskirche. Sie nahmen einen Preis - den Friedenspreis. Sie ließen Ihre Hand, ihren ganzen Arm artig und brav schütteln und durchschütteln. Sie trugen einen sehr schicken Blazer, ein schickes Hemd, eine schicke Frisur. Sie baten unsicher um Entschuldigung, haderten mit ihrem IQ; und erst dann gestanden sie Ihre Liebe zu einem Fußballverein. Trotzdem tragen sie bei jedem Spiel die Vereinsfarben. Geehrte Frau Emcke, eine kämpferische Mütze in der Paulskirche war Ihnen zu peinlich. Wie haben Sie Ihre Kleidung für die gestrige Preisverleihung am Brandenburger Tor ausgewählt? "Das ist doch nur der CSD. Da passt die Mütze." Ich werfe Ihnen vor, dass Sie am Verlust Ihrer Privilegien kleben. Sie entkoppeln sich von der Community und Sie steigen ein, wann immer es Ihnen schmeichelt. So starb bisher jede Gemeinschaft.