Meine Oma und die heiligen Hallen

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"Endlich. Das Portrait ist in der neuen Ausgabe der ZEIT." Der Journalist, Dirk Gieselmann, schickt mir eine elektronische Nachricht. Gerade noch sortierte ich im Keller Akten und Glasvasen…DIE ZEIT. Das ist der New Yorker für New Yorker. DIE ZEIT. Das ist der Oscar für Schauspieler. DIE ZEIT. Das sind die heiligen Hallen der Gräfin Dönhoff, die von meiner Oma verehrt wurde: "Die Frau hat Köpfchen!" Vor Aufregung kann ich den Artikel nicht lesen. Vor Aufregung muss sogar die Fotografin den Belichtungspinsel über das Foto gewedelt haben. DIE ZEIT….Bevor ich meinen Artikel finde, stolpere ich über eine andere Geschichte. Der bekanntere Logan Paul ist der "Spaß so lange, bis einer stirbt." Mit Freunden besucht er ein japanisches Naturschutzgebiet, das als "Suizid-Wald" bekannt ist. Japaner gehen in diesen Wald, weil sie ihr Gesicht nicht verlieren möchten - oder weil sie ihr Gesicht verloren haben. Eine starke Kultur! Logan Paul findet einen Toten; deshalb besucht er schließlich dieses Gebiet. Er filmt und zoomt, weil er "in die YouTube-Geschichte eingehen will." Große Empörung bei 6 Millionen Klicks! Logan Paul löscht sein Video. Er will sein Gefolge nicht verlieren. Unter Tränen bittet der Leader um Entschuldigung - wie ein kleines Kind. Diese Geschichte spielt keine Rolle! Alle Kommentatoren schließen die Augen. Sie rufen die Mama. Youtube soll Logan sperren. Youtube soll besser moderieren. Youtube ist aber keine Mama! Youtube ist ein großer Platz, auf dem sich Menschen versammeln, die nun endlich hinter die Gardinen anderer Menschen sehen können. Das meint Transparenz. Logan, ausgerechnet US-Amerikaner, filmt einen suizidierten Japaner. Er möchte YouTube-Geschichte schreiben. Und plötzlich schließen all jene die Augen, die die Transparenz wollten. Vielleicht befördert mein Portrait - IN DER ZEIT! - nur eine Illusion; aber sie macht mich und meine tote Oma sehr glücklich und stolz.