Was Seele meint

Marschner_Meisterschaft
Die noch unsichtbaren Tänzer der A Class sind auffallend schweigsam. Ich beobachte ein weibliches Tanzpaar; noch weiß ich nicht, dass sie Weltmeisterinnen, Europameisterinnen und Deutsche Meisterinnen sind. Sie haben keinen Konflikt, den HipHop-Tänzerinnen bei Wettbewerben austragen müssen. Sie kommen offenkundig ohne eine Geschichte aus, die auf Spitze getanzt werden muss; und doch sind sie keine von Pina Bausch befreiten Tänzerinnen. Beide werden von einer eigenartigen Stille umrankt - die tief und stark ist. Es scheint, als würden sie an der Wand und am Boden nicht nur ihre Muskeln dehnen. Ihr Warm-up füllt die Abgründe, die Untiefen auf. Im Raum des Geschehens spielt die Art Musik, die mir im Grunde nicht gefällt - und doch ist es Musik. Tango… Rumba… Die Tänzer und Tänzerinnen der C Class und B Class wirken angestrengt. Manche öffnen den Mund beim Tanz. Sie runzeln ihre Stirn. Sie schwitzen. Sie arbeiten. Draußen, vor der Tür, wird simpel gefacht - wie beim Fußball. Die Zuschauer und Zuschauerinnen in der Sporthalle spannen sich mehr und mehr. Sie warten auf die Meister und Meisterinnen. Das weibliche Tanzpaar trägt die Startnummer 108. Diese Nummer gibt die 9 im Querschnitt, die für Spiritualität steht. Ihre Kostüme, schwarzer Frack und weißes Ballkleid, zeigen das kraftvolle Yang und das federleichte Ying. Dann wird ihre Startnummer, die 108, ausgerufen und beide Tänzerinnen betreten das Parkett. Sie verneigen sich vor dem Publikum, heben ihre Arme und gehen in Position. Langsam schreiten sie in die Musik hinein und dann passiert etwas Fühlbares. Die jahrelange Arbeit an Steinwänden und auf harten Böden scheint abzufallen. Mit purer Muskelkraft brechen beide gemeinsam aus der Trainingsform aus. Ihre Seelen entfesseln sich. Sie fliehen aus einem Kerker, der mörderisch ist. Sie fliehen vor dem Drillmaster, um sich endlich verbinden zu können. Gemeinsam beherrscht das Tanzpaar den Takt. Er könnte sie niemals stürzen, niemals zu einem Patzer (ver)führen. Siegessicher und selbstsicher treten beide Tänzerinnen gegen den Tanz an. Sie erkämpfen sich Note um Note - bis sie selbst der Tanz sind, der sie am Ende immer wieder in den Kerker bringt - und am Ende besteht die Kunst wohl immer nur darin, den unheimlich hohen Preis der Vergänglichkeit ebenso leicht tragen zu können.