Lass mal. Lass mal. Die ist richtig!

Marschner_Sommer_in_Berlin
Wann immer ich diesen kurzen Satz höre, fühle ich mich zu Hause, verwurzelt, beruhigt darüber, dass Arroganz den Berlinern stets zu unpfiffig, zu langweilig, zu dröge war. Der Arroganz fehlt der Wortwitz, die Schlagfertigkeit, die Schnelligkeit. Mein größtes Vorbild ist ein Berliner Musikalienhändler aus Berlin-Spandau. Heute führt seine Enkelin das Geschäft. Sie ist die dritte Generation mit Musik, Notenblättern und Instrumenten. Sie erzählte recht zaghaft eine Geschichte über ihren Großvater, die mich vollständig aufgebaut hat. Er war vernarrt in die Musik und er hegte eine große Liebe für besondere Noten, Notenblätter, Notenbücher. Nun denken viele Menschen: Ein Musikstück - ein Notenblatt. Jedes Instrument braucht natürlich eigene Noten. Der Großvater, ohne Internet, wurmte sich für diese Passion in die Tiefen und in die Weiten. Liebhaberstücke, Raritäten, Besonderheiten…Bei ihm wurde jeder Experte glücklich. In einer Zeit, in der alles billiger werden und schneller gehen musste, kamen plötzlich veränderte Menschen in sein Geschäft, die über die Preise moserten, den Wert besonderer Fundstücke nicht ermessen wollten. Die Gitarre war alt, nicht antik. Die Notenblätter sahen gebraucht aus. Den Geist wollte man nicht kaufen. Das veränderte auch den Geschäftsmann. Mehr und mehr Kunden setzten seine Lieberhaberstücke - in seinen Räumen - herab. Eines Tages beschloss er, die unfreundlichen Kunden nicht mehr zu bedienen. Er wollte nicht mehr lächeln und sich für einen Besuch bedanken. Wann immer ein unfreundlicher oder in Arroganz gebadeter Nörgler sein Ladenlokal betrat, um ihm seine wertvolle Ahnungslosigkeit anzubieten, also auf seinen geliebten Noten herumhackte, warf er ihn im hohen Bogen aus dem Geschäft. Er warf Notenblätter und rief: "Verschwinden Sie aus meinem Geschäft, Sie Kunstbanause. Kommen Sie niemals mehr zurück." Seine Kinder machten sich große Sorgen. Sie fürchteten den Verlust der werten Kundschaft. Heute ist der Großvater eine Legende, ein Grund in genau dieses Geschäft zu gehen, um der Enkelin die Geschichten der Väter und Großväter zu erzählen.