Trauerkulturen

Marschner_Sterne
Zu den vielen Trauerkulturen gehört selbstverständlich die "Me Too"-Geschichte. Ich selbst wurde noch nie in irgendeine Enge getrieben. Verbale Attacken sind in Berlin wohl jedem vertraut. Das Phänomen der sexuellen Belastungen und Belästigungen ist den Menschen gleichermaßen bekannt. Meine persönlichen Vorurteile wurden mit dem Film "Angeklagt" bis heute komplett beseitigt. Natürlich hatte ich Vorurteile gegen Frauen! Mutige, lebenslustige Frauen, die Abenteuer erleben wollen, die in Bars gehen, die trinken und tanzen und flirten; die, wie Madame Deneuve, gerne das Prinzip der Weiblichkeit voll ausleben. In dem Film "Angeklagt" geht man jede Minute neben Jodie Foster durch die Szenen. Alle Gedanken, die eine Gesellschaft einpflanzt, keimen auf: "Sie ist ein wenig billig. Okay. Sie kommt aus der Unterschicht. Ihr Jeansrock ist kurz und nicht sexy. Ihr Trägerhemd sitzt nicht. Sie hätte gleich gehen sollen. Sie war die einzige Frau im Raum." Ein Mann geht zu ihr. Sie tanzen, flirten, küssen sich, wie Frau Deneuve es mag. Plötzlich spürt sie die Aggressionen dieses Mannes. Genau an diesem Punkt fallen meine eigenen Vorurteile. Ihr ureigenes Abenteuer wird von diesem Mann zertreten. Dabei spielt es keine Rolle, wie ich ihre Kleidung finde. Wann soll sie dieses Nein sagen? Sie kennt den Verlauf der Geschichte nicht! Sie geht deutlich auf Abstand, will sich aus der Situation ziehen. Seine Aggressionen haben bereits den Raum gefüllt; und dann begreife ich, wie schön und warm die Lebenslüge sein kann. Ich begreife durch diesen Film, dass eine einzige Vergewaltigung reicht, um alle Frauen zu verletzen. Selbstverständlich möchte kein Mensch so eine Wahrheit sehen - auch Männer nicht. Die Illusionen sind warm und bunt und voller Möglichkeiten. #Me too zeigt eine große Traurigkeit, die aus Millionen Frauen sprudelt. Die Debatte zeigt kalte und desillusionierte Frauen, die nicht traurig sein können, weil sie nicht (mehr) träumen können.