Loslassen

Ich wundere mich über die Gestaltung der Öffentlichkeit. Der öffentliche Raum - so soll es scheinen - soll offen sein. Der öffentliche Raum soll sicher sein; und so wird er uminterpretiert. Akademiker basteln einen geschlossenen Raum. Meine berliner Nachbarin und ich haben Am Lokdepot auch empirische Untersuchungen durchgeführt. Hierfür reichte zunächst die Sichtung der Bankunterlagen, der Verträge, die Sichtung der Buchführung. Wer hat Macht? Wer lenkt? Wer folgt willig? Wer bereichert sich? Wer hält die Konten in der Hand? Wer streut Legenden? Wer spielt falsch? Wer sorgt für die Verfilzung? Wer gehört zum Mob? Der für alle Menschen offene Raum wurde von Unwichtigen geschlossen. Der Raum Am Lokdepot ist kein sicherer Raum mehr! Der Todesfall ist eingetreten! Meine berliner Nachbarin sagte eines Tages zu mir: "Claudia! Hier stinkt es gewaltig!" Wir gingen also in die Keller und bargen die versteckten Leichen. Wir nannten sie alle beim Namen. Wir ermittelten den Zeitpunkt ihres Todes. Ich sagte zu meiner Nachbarin wortwörtlich. "Wenn wir uns beide völlig im Klaren darüber sind, dass sich in diesen Häusern niemand jemals bei uns dafür bedanken wird, dann kommen wir gesund durch!" Wir ließen also los! Unsere gesamte Kraft konnte sich entfalten. Klar war, dass Akademiker in diesen Häusern nicht mehr differenzieren konnten. Sie ließen uns natürlich fallen! Es wundert mich heute also, dass es noch immer Mitläufer gibt. Nach einem Todesfall, nach einer Beerdigung kommt nach etwa 1-10 Jahren eine Phase, in der lebende Menschen loslassen sollen. Der öffentliche Raum bespricht diese Phase falsch, weil unsere Akademien schlechter werden. Menschen denken also, dass sie die Toten fallenlassen sollen. Das hat fatale Folgen, denn die Kräfte der einstig Lebenden, ihre Weisheit kann sich nicht im öffentlichen Raum ausbreiten. Kontrollmechanismen entstehen. Die stinkenden Keller verrümpeln. Niemand soll die Leichen finden. Köpfe sind also ständig mit Kellern beschäftigt. In ihnen gibt es kein Jetzt und keine Zukunft mehr. Jedes kleine Detail, das nicht fallengelassen wurde -ein Foto oder ein Zettel - wird zur Tretmine, die überall detonieren könnte. Eine zufällige Frage wird als Verhör interpretiert. Jedes Fünkchen Licht wird als kommissarische Verhörlampe wahrgenommen. Lügen und Legenden entstehen. In den Häusern Am Lokdepot inszenieren sich Täter wie Opfer. Sie müssten nur Ihre Fehler korrigieren und dann gehen. Meine Hinterbliebenen haben echte Trauerfälle! Ihr eigener Raum wird unsicher. Sie brauchen keinen unsicheren öffentlichen Raum, in dem sich Pseudoopfer darstellen und selbst ausstellen. Hinterbliebene müssen sicher in die Phase des Loslassens begleitet werden. Was wäre das für eine Gesellschaft, die predigt, dass wir die Toten fallenlassen sollen? Es wäre eine gestorbene Gesellschaft, die ihre Leichen im Keller versteckt. Es wäre eine Gesellschaft, die sich für die Toten schämt. Es wäre eine Gesellschaft, die keine Visionen hat!