Das tote Leben

Auf Youtube sehe ich einen hageren Mann in seinem Wohnzimmer tanzen. Er glaubt, dass er tanzen kann. Er glaubt, dass seine schmierigen Haare locker sitzen. Er trägt nur eine weiße Unterhose, die nicht an Calvin Klein erinnert. Seine stocksteifen Bewegungen kommen nicht ansatzweise an einen Tanzstil heran. Während sich dieser Mann psychotisch dreht und Haken schlägt, sprüht er Parfum ohne Unterlass. Unter dem Video finde ich seinen Namen. Er nennt sich Jeremy Fragrance. Er will offenkundig, anders als Tom Ford, Coco Chanel und Jil Sander, schnell eine öffentliche Lust am Ekel befriedigen, die mir fremd ist. Ich sehe das offenkundige Endergebnis der virtuellen Reise eines Mannes. Er hat sichtbar seine inneren Dämonen ausgebildet, gepflegt und befördert. Sicher macht er Geld. Sicher fährt er ein tolles Auto. Er hat aber auch eine Frau bekommen, die ihn in Unterhosen filmt, die vorgeben muss, dass er super rüberkommt. Seine eigenen Dämonen haben ihm seine Seele abgezogen. Er wirkt fahl, blaß, ausgemergelt. Sein goldenes Kreuz, dass er sichtbar am Hals trägt, gehört nicht mehr ins Gesamtbild. Es entfaltet keine Wirkung. Seine Dämonen treiben ihn in seine eigene Hölle. Sie lachen ihn aus. Sie kommen nachts und flüstern in sein Ohr: "Du tanzt morgen wieder in Unterhose. Die Menschen wollen das. Sie lieben Dich dafür." Sie träufeln Gift in seinen Geist: "Du musst noch lauter schreien. Das passt zu feinen Düften, die edle Menschen kaufen." Seine Dämonen sagen ihm: "Du bist eine Legende. Du bist der Michael Jackson der Duftszene." Es sind seine eigenen Dämonen, die ihn nachts quälen, die ihn seinen Namen vergessen lassen. Sie besudeln Gott und sagen ihm: "Trag das Kreuz. Die Christen wollen auch Düfte von Dir kaufen." Gott könnte diesen Mann nicht mehr erreichen, denn er ruft Menschen nur bei ihrem Namen. Jeremy Fragrance hat seinen Namen vergessen. Seine eigenen Dämonen wird er nie wieder los. Sie bleiben und stehen neben ihm; und sie sagen: "Die Hater wollen nur Deinen Untergang. Sie sind neidisch auf Dich. Sie wollen Dein Leben, Dein Auto, Deinen Erfolg. Du bist ein Superstar - barfuß in Unterhose." Jeremy Fragrance hat sicher Geld, vielleicht hat er viel Geld, aber er kann nichts. Die eigenen Dämonen lassen ihn in einer üblen Zeitschleife hängen. Das ist der einzige Deal! Jeremy läuft nach vorne und dann fällt er zurück. Er läuft wieder nach vorne und fällt wieder zurück. Seine Dämonen wollen Spaß mit ihm haben; und so lassen sie ihn in die anale Phase eines Kindes fallen. Er denkt, dass er ein Parfum männlich anbietet. Ich sehe eine grotesk fremdgesteuerte Gestalt, die Freiheit verkörpern möchte, wie ein Kind, dass gegen Mama und Papa rebelliert. Mr. Fragrance bettelt um Klicks, er bettelt um Aufmerksamkeit, er bettelt um Geld. Er bietet nichts. Er bietet keinen Duft mehr an, den ich kaufen möchte. Er hat keine Seele. Menschen ohne Seele sind tot. Er hat seine Seele an seine eigenen Dämonen verkauft. Ein totes Leben ist kein reiches Leben. Das ist nicht Reichtum. Er sabotiert Menschen, die lange arbeiten und viel Geld investieren mussten, um einen bestimmten Duft herzustellen. Es braucht unglaublich viele Seelen, die einen Duft kreieren, die einen Flacon entwerfen, die eine Umverpackung gestalten, die Werbung für einen Duft erfinden, die Qualitätskontrollen durchführen, die gefüllte Flacons ausliefern, die Düfte verkaufen. Ein einziger Duft entfaltet Seele; und ein toter Mann in weißer Unterhose sprüht vor seiner Kamera wieder und wieder und wieder Parfum. Seele wird ihn nie wieder erreichen. Jeder kann ihn auf seinem Weg in den Abgrund ganz öffentlich und völlig legal begleiten. Das ist so eine Art Sterbehilfe für lebende Tote. Seine Dämonen lieben Geschmacklosigkeiten.

Here you come again

Der Kulturteil der New York Times titelte einst: "Gibt es irgendetwas, auf das wir uns einigen können? JA: Dolly Parton" 60 Jahre Karriere, 3000 Songs, 100 Millionen verkaufte Platten und einen in Erinnerung geehrten coat of many colors. Dolly Parton ist tot. Sie starb am 25. August 2026 im Alter von 80 Jahren. Diese Frau ist ein weltweit gültiges Beispiel dafür, dass Menschen, die in Armut aufwuchsen, ohne Licht und ohne Strom, in eine Zukunft kommen können. Der Song Jolene umkreiste den Planeten oft und Lil Nas X coverte diesen Song so wunderbar, dass ich ein Interview erinnerte. Sie wurde recht flach gefragt, wie lange es dauern würde, bis ihre üppige Frisur gefertigt sei. Sie sagte: "Oh. Das kann ich nicht sagen. Ich bin nie dabei." Ihre Antwort meinte, dass sie sich, als Frau, die ihren eigenen Stil kultivierte, nicht die gute Laune verderben ließ. Sie meinte damit, dass sie ihr Herz niemals verschließen würde, dass sie dumme Fragen kannte und verfliegen ließ, wie einen schlechten Duft. Dolly Parton war eine Country Sängerin, eine Botschafterin für das Gute, für das mögliche Glück. Sie war ein Sperling. Die weltweite Gay Community liebte sie über die Maße. In Dollys Rolle zu schlüpfen war wie ein schützendes Nest, in dem sie niemand zerquetschen konnte. Dolly Parton ist das wirklich typische Amerika und die einzige Frau, der ich ihren Glauben an Gott abnehmen konnte. Deshalb war sie gesegnet, nicht, weil sie die schönsten Lieder sang, sondern weil sie den Mut hatte, ihre Lieder zu singen. Ich glaube sogar, dass Dolly Parton eine Feministin war und scheinbar das Gegenteil repräsentierte. Sie wurde auf ihre Oberweite reduziert und sie wurde lange belächelt. Ich kann mir bildhaft vorstellen, dass eine Frau, die in den 60er Jahren Banjo und Gitarre spielte, zwischen Cowboys, die Lieder über Whiskey sangen, ziemlich tough sein musste. Sie schaffte es sogar, den Barbara Walters Moment für sich zu gewinnen. Sie machte in Minuten klar, dass sie auf jedem Stuhl sich selbst repräsentierte. Sie hat sich selbst nie verlogen und verbogen; dabei blieb Dolly Parton immer freundlich und immer heiter. Als Sie sich von ihrem Bühnenpartner trennte, komponierte sie einen friedvollen Song. Sie verabschiedete ihn mit "I will always love you", den Whitney Houston später für den Film Bodyguard sang. Die Freiheit der Sperlinge. Dolly Parton wurde Teil der afroamerikanischen Musikszene. In einem späten Interview sagte Dolly Parton, dass sie gerührt war, weil ihr Lied so einen Durchbruch erfahren durfte. Sie bemerkte, dass sie natürlich auch viel Geld damit verdiente: "Ich brauche dieses Geld auch, um so billig aussehen zu können." Diesen Stachel trug der Sperling bis zum Ende in sich. Kein schlimmer Finger dieser Welt konnte den Sperling zerquetschen. Dolly Parton ist tot. Ihre Familie erstellte ein schlichtes Video, das nur zwei Minuten braucht, um der Welt eine traurige Botschaft zu überbringen. Ein Beweis dafür, dass ein Schmetterling an einem fernen Ort einen Flügelschlag tut, der an einem anderen Ort einen Sturm auslöst. Die Welt ist traurig, weil die Welt nicht sagt: "So! Jetzt können wir ihre Werke in den Keller bringen!" Ich bin gespannt, wie sich mein Hörsinn durch ihren Tod verändert. Wie klingen ihre Lieder nach ihrem Tod? Das wird ein neues Abenteuer.

Die weiße Rose...

…ist ein Symbol für Abschied und Neuanfang, für Treue, Loyalität, Reinheit und Vertrauen. Sie ist das Symbol für Respekt und für ein ewiges Andenken. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Eine weiße Weste behalten. Auf ein weißes Blatt darf keine Tinte kleckern. Weiß erinnert an das Zitat von Jaques Maritain, der ein französischer Philosoph war: "Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben!" Sophie Scholl übernahm dieses Zitat. Sophie wurde 1921 in Baden Württemberg geboren. In dem Jahr, in dem meine Mutter zur Welt kam, also 1943, wurde Sophie in nur 4 Tagen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch ihr Bruder Hans wurde hingerichtet. Sophie war 21 Jahre alt. Ihr Bruder war 24 Jahre alt. In der Ludwig-Maximilians-Universität legten beide Exemplare ihres sechsten Flugblattes aus. Das war alles. Sie legten, im Namen der Weißen Rose, Flugblätter aus. Sie leisteten Widerstand. Sie konnten den Nationalsozialisten widerstehen, sich gegen sie aussprechen, weil sie hart im Geist waren und weich in ihren Herzen. Der Richter am Volksgerichtshof, Roland Freisler, verurteilte 2 Teenager, weil sie Flugblätter in einer Uni auslegten. Er verurteilte sie zum Tod durch das Fallbeil. Roland Freisler wurde Richter am Volksgerichtshof, der erst 1934 eingerichtet wurde. Im Namen seiner Freiheit; also im Namen des Führers, konnte er hart im Herzen sein und so unglaublich weich im Geist, dass er 2 Teenager köpfen ließ. Sie starben im Strafgefängnis München-Stadelheim. Roland Freisler ließ auch Christoph Probst hinrichten. Er muss im Rausch gewesen sein, denn er verurteilte 2600 Mal Menschen zum Tode. Er war bekannt für seine Häme, für sein Talent, Rechte auf Verteidigung im Keim zu ersticken. Es soll Angeklagte gerne gedemütigt haben. Seine aggressive Befangenheit spricht nicht für eine Regimetreue, eher für einen Narzissten, der neidisch auf Menschen war, die dem Führer nah kommen durften. Roland Freisler muss ein extrem trauriger Mensch gewesen sein. Seine herunterlaufenden Augen symbolisieren einen Rückzug aus sozialen Interaktionen, mangels Selbstvertrauen. Er wurde Präsident des Volksgerichtshofes. Er war einer von 15 Teilnehmern der Wannseekonferenz. Roland Freisler war Jurist. 1922 schloss er sein Jurastudium mit Promotion ab. Später hatte er in Kassel eine Kanzlei. Nur 20 Jahre später lässt er zwei Teenager köpfen. Dafür muss man doch nicht studieren. Für so einen Lebenslauf muss man doch keine Universität besuchen. Dafür kann man sich einen Kerker mieten, um seine Tötungsgelüste auszutoben. Er verurteilte im Jahr 1944 die Attentäter, die den Führer nicht mehr tragen wollten. 1945 wird Roland Freisler in Berlin buchstäblich zerfetzt. Es brauchte einen Luftangriff, um ihn endlich loszuwerden. Meine Mutter war 2 Jahre alt. Als sie und ihre Generation sprechen und lesen konnten, sprachen sie über Sophie und Hans Scholl. Sie schrieben alle Geschichte genau auf. Sie sammelten Bilder und Zitate. Sie sprachen mit Freunden und Nachbarn und Postboten und Handwerkern. Als ich 1972 in die Schule kam, sprechen und lesen lernte, sprachen wir über Sophie und Hans Scholl. Wir sprachen mit Freunden und neuen Freunden in Jugendheimen. Wir suchten die Fotos und wir fanden die Fotos von Sophie und Hans. Wir fragten die Älteren, wir fragten Lehrer und Religiöse. Alle kannten Sophie und Hans Scholl. Es gab keinen Menschen, der sie nicht kannte. Den Richter, der sie verurteilte, kannte niemand. Niemand wollte seinen Namen so genau wissen. Niemand wollte ihn erinnern müssen. Wir wollten die Weiße Rose feiern und ehren, wir wollten sie säubern, mit unserem Leben am Leben halten. Die Weiße Rose ist ein gigantischer Weltstar. Deutsche Politiker haben das verstanden und deshalb unterdrücken sie Paraden und Feste für die Weiße Rose, indem sie auf unwichtige Nazis zeigen. Sie haben Angst. Noch heute haben sie Angst vor Sophie Scholl und vor Hans Scholl. Sie verunreinigen aggressiv-befangen.

Die AfD, die AfD

Der Mauerfall 1989 bleibt eine Nachkriegssensation für mich. Leider verkam der Fall der Mauer zur Zirkusattraktion derer, die noch heute über Ostdeutsche und Westdeutsche reden, die auch heute so tun, als hätte es in der Weltgeschichte immer nur einen Westen gegeben, der aus einem Anfall der Langeweile gnädigst eine Mauer öffnete, um durch und durch Fremde gönnerhaft mit einem Hunni zu begrüßen. Ossis sind bis heute billig und ungebildet, deshalb verdienen sie auch noch weniger. Ossis haben keinen Sinn für Mode oder für eine modische Sprache. Ossis haben keine kosmopolitischen Attitüden. Ossis waren schon immer Ableger Russlands. Der Legende nach müssten US-Alliierte damals in der Hauptstadt entschieden haben: "Die West-Berliner sind so dermaßen hübsch und über die Maße intelligent. Wir nehmen die. Die sind irgendwie amerikanisch; und J.F. is ein Berliner." Das der Mauerfall Weltstars befreite, schrieb niemand. Nina Hagen, Katarina Witt, Arnim Müller-Stahl, Rammstein, Angela Merkel, Tokio Hotel, Axel Schulz sind verirrte Westdeutsche im Osten gewesen. Der wilde Westen trampelte also durch einen Osten. Er verkaufte Schrottautos und Schrottversicherungen. Er nutzte den guten Glauben der eigenen Landsleute aus, nannte sich bösartig Treuhand und gab grinsend den letzten Todesstoß. Sogar das Ost-Ampelmännchen kam unter den Lizenzhammer. Gier frisst Hirn. Nicht erst seit gestern stellt sich die AfD auf. Ich habe Sorge, dass der Osten, der offenkundig noch immer nicht Deutschland zu sein scheint, das zweite Mal auf den Leim geführt wird. Als Kind bewunderte ich die Matrjoschka, diese hölzernen Puppen, die in sich verschachtelt sind. Sie sind ein Symbol für Mütterlichkeit, Fruchtbarkeit, Familie und Zusammenhalt. Diese bunten kleinen Mütterchen faszinierten mich und ich versuchte damals, die inneren Puppen gnadenlos, gegen jede Kant'sche Moral, auszutauschen. Asterix passte sich gut ein und auch die Mondrakete von Tim und Struppi passte bestens hinein. Eine Lösung für die entnommenen Puppen hatte ich nicht gefunden. Sie passten weder zu Ken und Barbie noch zu meinen Figuren von Playmobil. Sie behielten ein Alleinstellungsmerkmal und wirkten ein wenig reserviert. Heute denke ich, dass, wenn ich die AfD wählen würde, Elon Musk rauskommt. Dieses Gefühl lässt mich einfach nicht los. Die Schwarz-Gruppe, Mutter von LIDL und Kaufland, baut in Lübben ein KI-Rechenzentrum. LIDL sammelt über die App schon ordentlich Kundendaten. Diese Daten sollen auch extern verwertet werden. Die Spezial-Chips und die Hardware liefert sicher der US-Konzern Nvidia. Der deutsche Konzern Infineon, München, stellt nur Halbleiter her. Es gibt keinen deutschen Konzern, der KI-Chips herstellen kann. Nun wirbt die AfD auf einem Plakat mit einer blonden Frau im Dirndl. Das irritiert mich, weil die Bilder nicht stimmen. In den USA singt und sagt man nicht Servus, Gruezi und Hallo, wie Maria & Margot Hellwig. Blondinen in den USA singen und sagen I'm Britney bitch. Insofern machte der berliner AfD-Politiker, Julian Adrat, einen großen politischen Fehler, da er Bill Kaulitz irrtümlich homophob angriff. Der lebt zünftig in der goßen Matrjoschka, so als echter Ostdeutscher. Er spricht perfekt englisch und deutsch. Er ehrt mit seinem Look teilweise sogar auch Elke Sommer. Angepasster geht es ja kaum noch. Das ist doch der Patriotismus, den Frau Weidel aka Elon Musk aka Trump züchten soll. Ist die AfD nur eine neue Treuhand?

Wenn die Vorgänger sterben

Helmut Lethen ist am 13. August 2026 in Wien gestorben. Er wurde 87 Jahre alt. Junge Menschen fragen: "Und?!" Helmut Lethen ist ein Kulturwissenschaftler, der auch post mortem entfaltet. Er hat 9 Bücher geschrieben. Meine ausgesuchten Meisterwerke von ihm sind >>Verhaltenslehre der Kälte<< und >>im Schatten des Fotografen<<. Die ZEIT schreibt, der Tagesspiegel schreibt, Verlage schreiben, alle schreiben Nachrufe und Hymnen. Sie sind scheinbar nicht traurig, eher fühlen sie sich alle verpflichtet. Ich finde das elitär. Mit ihren Artikeln fällt aber auf, dass sie stets extrem milde über seine Gattin schrieben. Sie fanden einen Linken und eine Rechte auch spannend. Sie wollten wissen, wie das so geht, wie man damit so lebt, da beide auch drei Kinder haben. Medien geben den professionellen Sommelier. Sie servieren uns bei Helmut Lethen quasi einen bekömmlich enorm reifen und teuren Rosé. In der Küche mixen sie allerdings einen Weißwein und einen Rotwein. Das ist natürlich nicht akademisch. Das ist Street smart. Ich bin traurig, weil Helmuth Lethen die Generation meiner Eltern beschreibt und verkörpert. Zu seiner Generation gehören Jíl Sander, Peter Lindbergh, Romy Schneider, Iris Berben, Gloria Steinem, Hannelore Elsner, Erika Pluhaar, Hanna Schygulla…Sie alle umhüllt eine dünne Kältefolie, die fast ein himmlisches Geschenk zu sein scheint, da sie alle den Krieg im Mutterleib erfuhren, im Krieg geboren wurden. Wir Kinder wussten, dass hinter diesen futuristischen Folien Wunder versteckt wurden, deshalb haben wir die Folien unserer Eltern nie bösartig zerrissen. Das war eine Art unausgesprochenes Gesetz. Die Generation von Helmut Lethen hat diesen leicht abschweifend verlorenen Blick, dieses eine nicht zu erreichende Gen, dieses milde Lächeln, das innere und äußere Monstren besiegen und töten kann. Meine Generation blieb immer ein wenig Zuschauer, wir Kinder waren Follower. Ich hatte auf eine angenehme Art nie das Gefühl, dass ich strenge oder lockere Eltern hatte. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich mit autonomen und sozial ambitionierten Menschen lebte. Sie konnten mich lassen, mich in Ruhe lassen. Die Mode von Jil Sander hat Frauen endlich in Ruhe gelassen. Die Fotos von Peter Lindbergh lassen Frauen in Ruhe, lassen Frauen auch miteinander spielen. Helmut Lethen konnte zuhören, er konnte seine Frau in Ruhe lassen. Er konnte ihre Arbeit in Ruhe lassen. Er ist ein durch und durch politischer Linker, da echte Linke die Opposition brauchen, wie Fische das Wasser; um nicht Herrscher zu werden. Helmut Lethen hat eine autonome Frau gesucht und gefunden. Der in weiten Hintergründen liegende Chauvinismus sei ihm gegönnt. Eine jüngere Frau kann weitaus intelligenter sein, als eine ältere oder gleichaltrige Frau. Das könnte meine Traurigkeit nicht schmälern. Meine Generation muss sich zwangsläufig politisch aufstellen. Das ist so enorm schwer, dass ich erst jetzt merke, welch ein "Monster" die 68er Generation bändigen konnte und kann.