Wahrheit und Zensus

Die Sache mit der Wahrheit ist einfach. Sie ist kein Gegenüber von Schaupiel, von Dramaturgien, von schlechten Analogien. Zunächst ist Wahrheit das gesunde, strukturierte Geschwisterteil der Lüge, die stets und ausschließlich ausläuft. Daran bemisst sich die ganze Wahrheit. Ein Mensch stirbt. Seine bekannte Erscheinungsform wird es nicht mehr geben. Das ist eine Masse an Wahrheit, die ein hinterbliebener Mensch über Jahre verarbeiten muss. Die meisten Lügner und Schummler decken sich mit falschen Fragen auf: "Was soll Wahrheit überhaupt sein, wer hat sie denn gepachtet?" Wahrheit ist, wie die Liebe, bedingungslos. Sie ist, wie das Universum, endlos. Wer die Wahrheit von der Lüge entkoppelt, der lügt bereits. Er belügt vor allem sich selbst! Ich muss am Zensus teilnehmen, der im Grunde nur eine dekorierte Volkszählung ist, der nichts im Land verbessern möchte, der nichts Genaues wissen möchte. Die Macher sind überhaupt nicht an einem wahren Spiegel der Gesellschaft interessiert. Er entlarvt sich bereits in der Einladung. Wer die Teilnahme verweigert, Teilnahme wichtiger als die wahre Verbesserung der Gesellschaft, der muss mit einem Bußgeld rechnen!" Es ist also keine Einladung. Es ist wahrheitsgemäß eine Vorladung. Die Verlogenheit hat sich so derart in diesem Land etabliert, dass man einen entlarvten Prozessbetrüger, wie Boris Becker, ernsthaft bedauert. Er muss Kekse kaufen, um satt zu werden. Er hat Platzangst. Er kommt in den Wohlfühlbereich. Er braucht ein eigene Gefängniszelle. Das spült Nachahmer und Nachahmerinnen vor deutsche Gerichte, die mit Lügen so verstopft werden, dass der Zensus fragen müsste: "Können Sie bei all der Verlogenheit ihre Arbeit noch gut und gesund ausführen?" Die Macher dieser Vorladung wissen, dass jede dritte Wohngeldabrechnung falsch ist! Kommt die Frage nach Verbesserung? Nein! Dieses Land möchte weiter abnicken und den Kopf heimlich schütteln. Dieses Land soll mit Rückenschmerzen und Nackenschmerzen nach vorne kommen. So entkoppelt man die Wahrheit von der Lüge. In meinem Beruf ist die Arbeit mit Hinterbliebenen der angenehmste Teil. Ich persönliche fahre die Strategie 80/20. Mein alltägliches Leben wird mit 80% reinem Nonsens angereichert. Viele Menschen, auch Institutionen, versuchen, Nonsens an meinem "Strand" abzuladen. 20 % in meinem alltäglichen Leben ist wichtig. Nur so kann ich in Ruhe arbeiten, leben und überhaupt noch atmen. Ich mache folgende Erfahrung, die für den Zensus wichtig wäre, die der Zensus aber nicht wissen möchte: Es ist für mich nicht schmerzlich, dass ich, über mein Bestattungsinstitut, eine Privatstraße finanzieren muss. Schlimm ist, dass ich unfähige Eigentümer erdulden muss, die bei Versammlungen offenkundig nur reden, bis sich ihre Zähne lockern. Ich erdulde ihre Stumpfsinnigkeit, die Mieter und Gäste völlig ausblendet. Ich erdulde Menschen, die eine Privatstraße zur Feuerwehrzufahrt erklären. Es stört mein Auge nicht, wenn Eigentümer*innen ausgediente Sperrmüll-Wäscheständer auf ihre Balkone stellen, dem gegenüberliegenden Haus unbedingt ihre Grauschleierunterwäsche zeigen müssen und den Saharastaub, der sich mit Autoteer vereint, für eine Werbung von Ariel halten. Im Moment muss ich aber die Lüge erdulden, dass meine Hinterbliebenen, meine Geschäftspartner, vor allem ich selbst, heimlich im Toilettenraum meines Geschäftes rauchen. Dem Gericht wird per Gutachten bescheinigt, dass explizit meine Badlüftung ausschließlich Rauch transportiert. Gleichermaßen wurde aber nie ein Handwerker bestellt, der Defekte feststellen kann. Ich erdulde einen Prozessbetrug. Ich erdulde eine Lügenschablone, die mir um den Hals gelegt werden soll. DAS beeinträchtig meine Arbeit massiv. DAS soll meinen Geist versiffen und vermoddern. Will der Zensus das wissen? Nein! Frau Marschner sagt die Wahrheit! Dann müssten wir etwas verändern. Um Himmels Willen, unsere Bühnen sind in Gefahr. Es war in Berlin einst auffallend en vogue, sich im Winter vor Einfahrten von Tankstellen zu werfen, um Schadensersatz zu fordern. Wie oft wurde ein Prozessbetrug geahndet, der sogar Gutachten vorlegte? All das will der Zensus von mir nicht wissen. Hinterbliebene von Unfalltoten müssen aber elendig lange Prozesse führen. Die gesunde Wahrheit muss wieder an die undichte Lüge gekoppelt werden. Eine Gesellschaft, die sich reich nennt, die gleichermaßen die Kosten für die Gesundheitsversorgung anhebt, die Ärzte und Pflegekräfte finanziell unterversorgt, lügt!

Wirtschaftlicher Tod

Boris Becker symbolisiert eine typisch deutsche Karriere, die am höchsten Punkt scheitert. Die deutsche Gesellschaft hat ihn ins Gefängnis gebracht. Bis auf Barbara Becker waren seine Frauen auch ein Spiegel dieser Gesellschaft. Boris Becker hatte alles. Er hatte ein Elternhaus. Er lebte früh in dem Luxus - aus einer Passion einen Beruf machen zu können. Er bereiste die Welt. Er wurde Weltmeister. Und doch wurde und wird er von der deutschen Gesellschaft an seinen Defiziten bemessen. Er war nie ein Sprachgenie. Er war nie ein Großstädter. Er war nie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Medien nannten und nennen ihn "Bobbele". So nennt man einen Hasen, einen Vogel oder ein Pantoffel-Plüschtier. Die Sache mit der Sprache ist also nicht nur sein Problem. Ich denke, dass Boris Becker eingesperrt werden wollte. Er suchte hohe Mauern, er fand hohe Mauern, er bekam hohe Mauern. Vielleicht kann er seine Welt nicht mehr sehen. Er hätte sich nur die Bilder seines Sohnes ansehen müssen. Vielleicht hat Boris Becker genug. Vielleicht suchte er eine Zelle - nur für sich. Keine Schuldeneintreiber. Keine Frauen. Keine Forderungen. Keine Mütter, in deren Leibern nur Weltmeister heranwachsen. Vielleicht suchte er jene Menschen, die auf dem nackten Boden der Tatsachen leben, also jene Ausgelachten, denen man in dieser Gesellschaft Namen gibt. Die Gesellschaft hat Boris Becker ins Gefängnis gebracht. Der Tennisstar reichte dem deutschen Mob nicht. Sie trieben ihn. Sie jagten ihn sogar. Er hat es mitgemacht. Warum? Weil er es nicht bemerkt hat. Er war zu beschäftigt - er musste seinen Landsleuten den Karriereclown geben. Keine Frau nach Barbara Becker zog die Bremse. Keine Frau nach Barbara Becker war kreativ. Keine Frau nach Barbara Becker war edel, elegant, mondän oder erfolgreich. Keine Frau nach Barbara Becker hatte eine eigene Persönlichkeit. Sie wollten nach Monaco, Mallorca, Ibiza, zur Wies´n. Und er war der einäugige König unter den Blinden. Der Knast wird zur Welt. Seine alte Welt kommt nicht durch die Mauern. Frische Bettwäsche, ohne Läuse, wird zum Luxusartikel. Dort will die deutsche Gesellschaft ihn sehen. Ganz unten soll er sein. Er folgt. Er hätte schlicht dem Gericht die Wahrheit sagen können. Er hätte sein ganzes Zeug abgeben können, eine Tennisschule eröffnen können. Alle, die an seinem Gehrock hingen, sind weg. Medien lieben ihre weißen Westen und ihre dicken Bäuche. Die Erbsen werden in Berlin oder am Ballermann über die Tische geschossen. Verkleidete Berliner tragen, aus Angst vor Räubern, ihre Fahrräder auf Terrassen. Am Ende suchen sie dann doch Schilder und Zäune. Fahrräder bitte nicht auf der Terrasse abstellen. Nur für Kunden. Das finden sie irgendwie weltoffen. Die verkleideten "Guten" verbieten Dreadslocks für Weiße. Im Grunde suchen sie die alten Schilder: "Nur für Schwarze!" - "Nur für Weiße!" Boris Becker heiratete eine afroamerikanische Frau. Die öffentliche Häme liegt auch darin begründet, die man nie an Barbara Becker adressierte. Sie entlädt sich am ältesten Sohn, der die weißen Westen bekleckert. Kürzlich öffnete mir ein älterer Mann die Tür. Er roch ein wenig nach Kotze, nach Alkohol, nach Urin. Sein Anzug erzählte die Geschichte von Straßen und Parks, von nassen Kartons und Mülltonnen. "Guten Tag, Madame.", sagte er. Ich ging in die Bank. Ein Automat spuckte meine Kontoauszüge aus. Als ich ging, gab ich dem Mann etwas Geld und meine Visitenkarte. Er erschrak leicht und er verstand nicht sofort. Ich sagte ihm, dass meine Hinterbliebenen seine Qualitäten ganz sicher schätzen würden, er müsse sich nur für ein langweilig stetes Systemleben entscheiden. Er zog sich etwas zurück und nickte skeptisch: "Danke, Madame!" Ich störte ihn! Er hat sich in Straßen verortet und eingerichtet. Ich kam zu spät. Ich bewundere ihn, weil er vom System auf die Straße befördert wurde; und weil er weiter im System arbeitet. Einer, der ängstlich sein Fahrrad auf meine Terrasse schleppt, um sein Eis sicher im Nachbarcafé kaufen zu können, der Schilder braucht und doch keine Hausnummern lesen kann, ist zu geizig; zu geizig und zu hinterweltlerisch, um Hinterbliebenen Platz zu machen. Er gehört zu jener hämischen Bobbele-Gesellschaft, die überhaupt nichts Gutes mehr wünschen kann. Sein "Zorry" stinkt nach einem engen Sprachkanal - sein Gehirn mufft, weil die Lüftungsventile klemmen. Im Vakuum generiert er peinliche Aufmerksamkeit. Vielleicht ist Boris Becker jetzt an einem sicheren und richtigen Ort. Unten ist er noch lange nicht angekommen. Er steckt volle Pulle im System! Während in Berlin zu viele Menschen nur noch wohnen wollen, sollte man über Berufe und Karrieren nachdenken. Um fatal beklatschte Abstiege zu verhindern, muss diese Gesellschaft dringend sich selbst reflektieren - dringend!