Das Du zerstört Strukturen
10/08/26
Ich kenne keinen seriösen Bestatter, der seine Kunden duzt. Ich kenne keinen seriösen Friedhofsmitarbeiter, der Trauernde duzt. Ich kenne keinen Kripobeamten, der Bestatter duzt. Ich kenne keinen Standesbeamten, der mich je duzen wollte. Kein gutes Hotel duzt seine Gäste. Eine Freundin von mir ist Flugbegleiterin, die im Strahl brechen könnte, weil die Passagiere ihres Arbeitgebers sie künftig duzen sollen. Das kann im Notfall zu Schwierigkeiten führen, weil das reflexhafte Du in Deutschland eine unangenehme Vereinnahmung bedeutet. Am Lokdepot gibt es einen arroganten Rechtsanwalt, der seit 10 Jahren den Nahbaren mimt, gleichermaßen aber ein Smirk ist. Sein schief falsches Grinsen meint, dass er einen Genuss darin empfindet, etwas zu wissen, das andere nicht wissen. Er ist zuweilen spöttisch und anzüglich. Seine Mails sendet er wahlweise als Empfangssekretär seiner Kanzlei oder mit dem Account der Verwaltung, die zum Schein eingesetzt wurde. Seine Schreiben formuliert er in Euch-Form und Uns-Form. Er will um eine anspruchsvolle Hausgemeinschaft wissen, die einen besonderen Verwalter braucht. Er bittet in seiner Destruktion um konstruktive Vorschläge. Man muss sich Passagiere vorstellen, die sich in einem bedrohlichen Sturzflug befinden und eine allseits unbekannte Cornelia bittet in der Du-Form um einen neuen Piloten. Sie möchte diskutieren. Die Crew stellt aber fest, dass Cornelia den Sturz verursacht. Sie ist betrunken und sie weigert sich, ihre Störsender auszuschalten. Cornelia pustet sich während des Sinkfluges laut auf. Alle Passagiere sollen sich um sie kümmern. Sie erkennt die Bedrohung betrunken nicht mehr. Alle sollen ihr in den Sinkflug folgen. Alle sind schuld an ihrem Elend. Sogar der Pilot soll seine Arbeit unterlassen, um sich nur um ihre Belange zu kümmern. Wenn das Lokdepot eine Airline wäre, dann haben Beraterkanzleien einen Rechtsanwalt benutzt, der aus einem Gärtner einen Flugkapitän gemacht hat. Die Kontostände sinken, alle Triebwerke wurden manipuliert, Passagiere sind diesen Leuten völlig egal. Sie ziehen das Geld im Minuten-Takt. Meine Nachbarin und ich haben uns mit dem Cockpit vertraut gemacht. Der Tower wäre eigentlich ein gutes Gericht. In dem Fall sind es gute Anwälte und Gutachter. Wenn wir im Wasser landen, werden Versteinerte versinken. Am Lokdepot ist das Du so aufgesetzt und geheuchelt inszeniert, als wären alte Menschen Teenager, die eine gruselige Nachtwanderung miteinander planen, die einen Kiosk knacken wollen, um an Alkohol zu kommen. Die Du-Form hat die Arbeit einer Verwaltung sogar unterbunden: "Schieb die 20.000 Euro für die Kanzlei ins nächste Jahr, dann schlafen die anderen gleich tiefer. Deine Rechnungen müssen nicht stimmen. Wir machen, was wir wollen." Die Realität verschiebt sich mit dem Du. Beiräte und Eigentümer Am Lokdepot denken tatsächlich, dass ausgerechnet sie es sind, die über mein Bestattungsinstitut, über meine Räume bestimmen könnten. Dieser Rechtsanwalt denkt in seiner Verkommenheit wirklich, dass er meine Räume mit seinen geistlosen Fäkalien beschmieren könnte. Mit einer echten Verwaltung wäre er für meine Arbeit nicht existent. Warum auch? Ich erinnere einen Beirat, der nachts den Sky-Marshal im Hof gab. Er konnte seiner Du-Beirätin nicht mehr erklären, wie sich zivilisierte Menschen zu benehmen haben. "Du kannst hier doch heute nichts mehr holen." Ich hatte kurz den Verdacht, dass er ihr den ausgedienten Schnuller seines Sohnes bringen muss. Er konnte ihr nicht mehr sagen, dass ihre einstigen Mieter, bei 2500 Euro Miete, mehr Klasse, Stil und Hirn hatten, als sie je haben wird. Ich möchte an dieser Stelle jene gesunden Menschen heben, die um Klassen darunter leben sollen und müssen, sich aber noch nie so derart peinlich vor meinem Bestattungsinstitut gebärdeten. Dazu gehören die Mieter, die falsche Abrechnungen zahlen müssen, damit der Rechtsanwalt seinen selbstgebastelten Thron aus Stein auch weiterhin verteidigen kann. Das Du zeigt sich nicht professionell. Die aufdringliche Duzerei führte dazu, dass bis heute Millionen Menschen in der Digitalwirtschaft manipuliert und ausgebeutet werden, ausgezogen werden, missbraucht werden, weggeworfen werden. Wir sind Rohstoffe im Netz, die man duzen und pflücken darf. Das überträgt sich auf äußerst unappetitliche Art und Weise.