Totgeschossen. Gefühle verhindert!
18/03/26
Der 28-jährige Arbeiter Karl. Der 47-jährige Arbeiter Johann. Der 33-jährige Weber Albert. Der 24-jährige Mechaniker Ferdinand. Der 49-jährige Raschmacher Johann. Der 22-jährige Notenstecher Johann. Der 22-jährige Arbeiter Ludwig. Der 37-jährige Maschinenarbeiter Johann. Die 29-jährige Arbeitsmannsfrau Adeline. Der 30-jährige Buchdrucker Magnus. Der 26-jährige Schlossergeselle Leonhard. Der 45-jährige Privatsekretär Carl. Der 36-jährige Buchbindergeselle August. Der 36-jährige Tischlergeselle Carl. Der 40-jährige Eisenbahnbeamte Wilhelm. Der 20-jährige Vergolder Wilhelm. Der 33-jährige Friseur Alexander. Der 25-jährige Tapezierer Johann. Der 49-jährige Kattundrucker Leopold. Der 34-jährige Schlossergeselle Ferdinand. Der 37-jährige Tischler Ferdinand. Der 26-jährige Schneidergeselle Christian. Der 32-jährige Zeugschmiedegeselle Franz. Der 30-jährige Schlossergeselle Carl. Der 22-jährige Arbeitsmann Friedrich. Der 21-jährige Diener Moritz. Die 45-jährige Charlotte. Der 19-jährige Bildhauer Eugen. Die 26-jährige Lina. Der 46-jährige Schirmfabrikant Wilhelm…Am 18. März 1848 starben in Berlin hunderte von Menschen. Mein Florist legte heute die bestellten Kränze am Brandenburger Tor für sie nieder. Zu den Auftraggebern gehörte die IG Metall und die ungarische Botschaft. Der Platz des 18. März erinnert heute an die bürgerliche Revolution, die die preußische Regierung absetzte. Die Obrigkeit wurde deinstalliert. Die Revolte der Menschen, durch Krisen und Massenarmut provoziert, forderte die Einhaltung der Menschenrechte, die Gewährung bürgerlicher Freiheiten, der Redefreiheit, der Pressefreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Vereinsfreiheit. Diese Revolte forderte auch die Rechte der Arbeiterfrauen. Gefordert wurde das Ende der Zensur, das Ende der nationalstaatlichen Zersplitterung und die Teilhabe durch freie Volkswahlen. In diesen Tagen muss ich mich mit Leuten Am Lokdepot demütigen, die wegen einer Pausenzigarette über Jahre jammern und heulen. Ich muss mich mit Leuten erniedrigen, die, wie die Klageweiber, Versammlungen einberufen, weil es nach Essen duftet. Ich soll womöglich einen Hofknicks vor Frauen machen, die über einen Kabelschacht jammern, die zudem von ihren weitaus interessanteren Müttern finanziert werden. Ich muss heute berliner Richterinnen erdulden, die selbstgefällig ihre Tattoos Beklagten und Klägern präsentieren - die das höchste Maß der Verantwortung, die Freiheit, vom Pult fegen - die dafür respektiert werden wollen. Ich soll mich einer Sache unterwerfen, die irgendwer oder irgendjemand Politik nennt. Ich erkenne keine Politik. Ich erkenne die antrainierte Gefühlskälte, die nur noch selbstherrliche Idiotismen abfeiern kann. Deutsche weinen nicht. Deutsche haben keinen Zugang zu ihren Gefühlen. Deutsche retten. Sie retten Wale und Ozeane. Sie retten Hunde in Rumänien und sie retten die Bienen. Sie retten Opfer in Seenot. Sie retten Kinder in Not. Sie retten Geflüchtete. Sie retten den Regenwald. Sie retten die Vögel - aber sie können nicht über 300 Tote weinen, die den Grundstein für eben jene Freiheiten legten. Johann Geraß starb am 18.3.1848. Er war 19 Jahre alt. Er lebte bei Familie Krüger, seinen berliner Pflegeeltern, Fischmarkt 5. Johann machte eine Lehre. Er wollte Buchdrucker werden. Er war ein gebürtiger Berliner. Auch sein Leichnam wurde auf dem Friedhof der Märzgefallenen bestattet. An diesem 18. März starben fast 300 Menschen. Sie alle waren auffällig jung. Deutsche sagen, dass sie aus besitzlosen Schichten stammten. Das ist merkwürdig zu nennen, denn zur ihrer Beerdigung in Berlin-Friedrichshain kamen fast 100 000 Berliner, also damals ein Viertel der Bevölkerung Berlins.